Lanz & Precht – Ausgabe Einundachtzig
#081

Ausgabe Einundachtzig

Lanz & Precht / 24. März 2023 / 10 Medien

Markus Lanz & Richard David Precht

In dieser Folge nehmen sich die beiden das Phänomen der allgegenwärtigen Beleidigtsein-Kultur vor: Warum reicht heute ein einziger Satz, um jemanden auf die Barrikaden zu bringen — und warum gilt es inzwischen als gesellschaftlich akzeptiert, beleidigt zu sein, statt souverän zu kontern? Dabei erzählt Lanz, wie verblüfft sein Publikum reagiert, wenn er verrät, dass nach hitzigen Sendungen alle noch entspannt zusammensitzen — weil Streit und persönliche Kränkung für Profis zwei völlig verschiedene Dinge sind.

„Die eleganteste Art, ein Gespräch abzuwürgen, ist beleidigt zu sein und alles Weitere ebenfalls beleidigt zu reagieren.“
🗣 Richard David Precht

Erwähnte Medien (10)

Artikel über den Applaus von der falschen Seite

Artikel über den Applaus von der falschen Seite

Anna Schneider

Anna Schneider argumentiert in ihrem WELT-Meinungsartikel, dass bei der Bewertung von Argumenten allein deren Inhalt zählt, nicht die politische Position der Unterstützer. Sie reagiert auf die Sorge eines Freundes, dass ihre Texte auch von Personen des rechten Spektrums begrüßt werden könnten und lehnt damit die Idee der Kontaktschuld ab. Schneider betont Pluralismus und zivilisierten Streit als Grundlagen der liberalen Demokratie, beklagt aber, dass liberale Minderheiten in Österreich und Deutschland es schwer haben, ihre Positionen durchzusetzen.

🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:19:36 „Ich habe neulich Anna Schneider von der Welt gelesen, die genau darüber nachgedacht hat, über diesen Applaus von der falschen Seite, diese Angst sozusagen von Leuten Applaus zu kriegen, die zum Beispiel am äußersten rechten Rand unterwegs sind. Und sie schrieb einen interessanten Satz und sagte, ist mir wurscht, ist mir egal. Die Wienerin, nicht wer etwas sagt, zählt, sondern was er sagt.“

Im Gespräch über die Angst vor Zustimmung aus dem falschen politischen Lager zitiert Lanz einen Artikel von Anna Schneider aus der Welt. Schneider argumentiert, dass es keine Kontaktschuld oder Kollektivschuld gebe und dass allein der Inhalt einer Aussage zähle, nicht wer sie macht. Lanz nutzt das Zitat, um seine These zu stützen, dass die Schere im Kopf den öffentlichen Diskurs lähmt.

Zum Artikel bei Welt Details
Interview mit Ilko Sascha Kowalczuk

Interview mit Ilko Sascha Kowalczuk

Ilko-Sascha Kowalczuk

"Zwei Drittel der Ostdeutschen haben ein Problem mit Demokratie und Freiheit", sagt Ilko-Sascha Kowalczuk im Gespräch mit ntv.de. In seinem Buch "Freiheitsschock" sucht der Historiker Erklärungen für die politische Stimmung im Osten - und räumt mit dem "Märchen" vom "revolutionären Völkchen" im Osten auf.

🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:24:15 „Und der hat neulich ein interessantes Interview gegeben und vielleicht ist das der Kern, also sich ernsthaft mit den Themen erstmal auseinanderzusetzen, statt immer nur so pauschal zu sagen, also diese Ostdeutschen, denen ist die Demokratie irgendwie suspekt und dann wählen sie alle die AfD.“

Lanz stellt den Historiker Ilko Sascha Kowalczuk vor, der der Kommission 30 Jahre Friedliche Revolution angehört. In dem Interview argumentiert Kowalczuk, dass es in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl für die Geschichte des Kommunismus gibt und die DDR-Geschichte an Unis skandalös vernachlässigt wird — was zu mangelndem Verständnis und DDR-Verklärung führe.

Zum Artikel bei N-tv.de Details
I Artikel

Interview über DDR-Geschichte und Demokratieverständnis

Ilko-Sascha Kowalczuk

Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk ist seit Januar 2025 wissenschaftlicher Berater des Berliner DDR Museums. Der Historiker hat eine persönliche Verbindung zur DDR und bringt Fachwissen sowie neue Projektideen mit, um das Museum als Ort lebendiger Debatten zu etablieren und seine Reichweite zu erweitern. Im Blog-Interview beantwortet Kowalczuk zehn Fragen zu seiner wissenschaftlichen Arbeit, seinem Werdegang als Historiker und persönlichen Interessen wie Musik und Reisen. Seine Neugier und Leidenschaft fürs Schreiben prägen seinen Forschungsansatz, in dem Geschichte nicht nur als akademisches Feld, sondern als unerschöpfliche Quelle der Entdeckung verstanden wird.

🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:24:51 „Der hat neulich ein interessantes Interview gegeben. Und sagte, ein Fehler nach 89 war, man dachte, Demokratie ist wirklich selbsterklärend. Und das hat halt eben nicht funktioniert. Und er weist dann auf etwas hin, wo ich dachte, ach guck mal, vielleicht ist da der Schlüssel für einen besseren Diskurs, für ein besseres gegenseitiges Verständnis.“

Lanz stellt den Historiker Ilko Sascha Kowalczuk vor, der in einem Interview darauf hinweist, dass es in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl für die Geschichte des Kommunismus gibt und die DDR-Geschichte an Universitäten skandalös vernachlässigt werde. Lanz findet darin einen Schlüssel zum Verständnis der ostdeutschen Skepsis gegenüber dem politischen System und einen Ansatz für bessere Debattenkultur.

Zum Artikel bei Ddr-museum.de Details
Homeland Elegien

Homeland Elegien

Ayad Akhtar · 2020

"Genau der Schriftsteller, den wir brauchen." Daniel Kehlmann "Leidenschaftlich, verstörend, fesselnd." Salman Rushdie Ayad Akthars "Homeland Elegien" ist ein intelligenter Roman über den zerrütteten Zustand des heutigen Amerikas. Über ein Amerika, in dem die Ideale der amerikanischen Demokratie den Göttern der Finanzindustrie geopfert wurden und eine TV-Persönlichkeit Präsident werden konnte.

🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:46:12 „Ich habe neulich ein langes Interview mit Ayad Akhtar gelesen. Das ist der Präsident des amerikanischen Penn. Toller Schriftsteller, 1970 geboren, ungefähr so alt wie ich. Sohn pakistanischer Einwanderer, Milwaukee aufgewachsen, viel prämiert, Schriftsteller, hat einen tollen Roman geschrieben, Homeland Elegien, das war so das Letzte, was man so von ihm kennt.“

Lanz stellt den Schriftsteller Ayad Akhtar vor und nennt dessen Roman 'Homeland Elegien' als sein bekanntestes Werk. Das Buch dient als Kontextualisierung von Akhtars Autorität, bevor Lanz auf dessen Rede über digitale Polarisierung und Desinformation eingeht.

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T Rede

Der Trick ist zu reden

Ayad Akhtar

Ayad Akhtar kritisiert in seiner Rede vor dem PEN Berlin die Mechanismen der digitalen Polarisierung als "digitale Apartheid". Er argumentiert, dass Desinformation ein systematisches Geschäftsmodell von Plattformen wie Facebook ist und Gesellschaften statt gegenseitiger Bekämpfung die dahinterliegenden Systeme verstehen müssen.

🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:46:48 „Hat vor einiger Zeit eine echte Brandrede vor dem Pen in Berlin gehalten. Und die Überschrift war, der Trick ist zu reden. Und sagt, was wir derzeit erleben, ist absolut verstörend. Wir leben in einer digitalen Apartheid.“

Lanz zitiert ausführlich aus einer Rede Ayad Akhtars vor dem PEN Berlin, in der dieser die digitale Polarisierung als 'digitale Apartheid' beschreibt. Akhtar argumentiert, dass Desinformation ein systematisches Geschäftsmodell von Plattformen wie Facebook sei und dass die Gesellschaft aufhören müsse, sich gegenseitig zu bekämpfen, und stattdessen die Mechanismen dahinter verstehen müsse.

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Wir amüsieren uns zu Tode

Wir amüsieren uns zu Tode

Neil Postman · 1985

Neil Postman: "Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie". Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1985, 207 S., kart., 19,80 DM

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:51:36 „Also es gab ja von Neil Postman mal das Buch, wir amüsieren uns zu Tode.“

Precht greift Lanz' Metapher der sich zu Tode stimulierenden Ratten auf und zieht eine Parallele zu Neil Postmans These. Er erweitert Postmans Idee des Sich-zu-Tode-Amüsierens um die Dimension der Dauererregung: Nicht Unterhaltung, sondern permanente Aufregung könne dazu führen, dass eine Gesellschaft den Verstand verliert.

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Emilia Galotti

Emilia Galotti

Gotthold Ephraim Lessing

Lessings Drama „Emilia Galotti" behandelt Fragen von Macht, Freiheit und den Grenzen der Vernunft. Precht bezieht sich auf den berühmten Satz Lessings im Kontext der modernen Aufmerksamkeitsökonomie und medialen Daueraufgeregtheit und ergänzt ihn um eine provokante Wendung: Wer über alles den Verstand verliert, hat auch keinen zu verlieren. Das klassische Drama bleibt damit aktuell für die Frage, wie rationaler Diskurs in aufgeheizten Zeiten möglich ist.

🗣 Richard David Precht zitiert daraus bei ⏱ 00:52:10 „Also es gibt den Lessings Emilia Galotti. Sagt die Gräfin Orsina, wer über bestimmte Dinge den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren. Und ich möchte auf Lessing drauf reimen, wer über alles den Verstand verliert, hat auch keinen mehr zu verlieren.“

Precht zitiert die Gräfin Orsina aus Lessings Trauerspiel, um seine These über die Gefahren der Dauererregung zu untermauern. Er variiert das berühmte Zitat und argumentiert, dass die ständige Aufregung über alles letztlich die eigene Urteilsfähigkeit zerstört.

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Nikomachische Ethik

Nikomachische Ethik

Aristoteles · 1876

Die Nikomachische Ethik (altgriechisch ἠθικὰ Νικομάχεια, ēthikà Nikomácheia) ist die bedeutendste der drei unter dem Namen des Aristoteles überlieferten ethischen Schriften. Da sie mit der Eudemischen Ethik einige Bücher teilt, ist sie möglicherweise nicht von Aristoteles selbst in der erhaltenen Form zusammengestellt worden. Weshalb die Schrift diesen Titel trägt, ist unklar. Vielleicht bezieht er sich auf seinen Sohn oder seinen eigenen Vater, die beide Nikomachos hießen.

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:52:43 „Aristoteles hat schon gesagt, sich aufzuregen ist einfach. Aber sich zur richtigen Zeit über das Richtige aufzuregen, das ist schwierig. Das setzt Urteilskompetenz voraus.“

Precht zitiert Aristoteles' bekannte These über den angemessenen Umgang mit Emotionen im Kontext der Diskussion über Erregungskultur und die Fähigkeit zur Urteilskompetenz. Er argumentiert, dass diese Kompetenz im Bildungssystem am stärksten vernachlässigt werde.

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A Rede

Abschiedsrede (Farewell Address)

Dwight D. Eisenhower · 1961

President Dwight D. Eisenhower delivers "military industrial complex" farewell speech.

🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:55:28 „Ein Präsident wie Eisenhower zum Beispiel. Der hat den Amerikanern noch gesagt, ihr müsst zum Beispiel dem militärisch-industriellen Komplex gegenüber misstrauisch sein. In seiner letzten öffentlichen Rede.“

Markus Lanz zitiert Ayad Akhtars Argumentation über Unternehmensmacht und verweist auf Eisenhowers berühmte Abschiedsrede von 1961, in der dieser vor dem militärisch-industriellen Komplex warnte. Er kontrastiert diese Haltung mit der heutigen politischen Kultur, in der solche Warnungen undenkbar geworden seien.

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Wer wir waren

Wer wir waren

Roger Willemsen · 2016

Roger Willemsen hatte vor seinem Tod an einem neuen Buch gearbeitet. Es sollte ›Wer wir waren‹ heißen und unsere Gegenwart betrachten – aus der Zukunft. Als Roger Willemsen im Sommer 2015 krank wurde, stellte er die Arbeit an diesem Buch ein. Zentrale Gedanken davon aber stecken in einer mitreißenden »Zukunftsrede«, die zu seinem letzten öffentlichen Auftritt wurde.

🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:59:20 „Roger Willemsen, »Wer wir waren«, sein letztes nicht vollendetes Buch, wo er schreibt, »Wir erwachen im goldenen Zeitalter der Ruhelosen und wir werden sagen können, wenn wir in Städten auf die Straßen traten, hatte der Kampf um unsere Aufmerksamkeit schon eingesetzt.«“

Lanz schließt die Folge mit einem Zitat aus Roger Willemsens unvollendetem letzten Buch. Die Passage über den Kampf um Aufmerksamkeit fasst das gesamte Gesprächsthema zusammen – Erregungsökonomie, Desinformation und Konzernmacht – und dient als nachdenklicher, selbstkritischer Abschlussgedanke.

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