Endlich wieder Streit über Geschmack
Lars Weisbrod, Ijoma Mangold
Im Mittelpunkt steht Christian Krachts neuer Roman "Eurotrash", der als Werk des "debattenschwersten Autors der deutschen Gegenwartsliteratur" heiß erwartet wurde. Zuvor im Gegenwartscheck: eine spitze Lockdown-Beobachtung über inflationäre Geburtstagsanrufe und eine kleine Kulturgeschichte der Producer Tags im Deutschrap — jene eingesprochenen Produzenten-Signaturen wie "Miksu McCloud, was für ein Beat", mit denen Beatmaker sich ihren Anteil am Aufmerksamkeitskuchen sichern.
„Ich habe noch nie so viele Geburtstagsanrufe bekommen wie in diesem Jahr. Und ich glaube, das hängt nicht damit zusammen, dass die emotionale Bindung zu meinen Freunden noch intensiver geworden ist, sondern dass sie halt alle Zeit haben, weil sie im Lockdown sitzen.“
Erwähnte Medien (13)
Eurotrash
Christian Kracht · 2021
»I'll see you in twenty-five years.« Laura Palmer. »Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, ›Faserland‹ genannt hatte.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:00:59 „Es geht um Christian Krach, dessen neuer Roman Eurotrash am vergangenen Donnerstag erschienen ist. Und alles Weitere gibt es gleich nach dem Gegenwartscheck.“
Eurotrash ist das Hauptthema dieser Podcast-Folge. Ijoma Mangold kündigt das Buch als das heiß erwartete Werk des 'debattenschwersten Autors der deutschen Gegenwartsliteratur' an. Die eigentliche Besprechung folgt nach dem Gegenwartscheck-Segment.
Sex and the City
Darren Star · 1998
Die Protagonistinnen sind vier New Yorker Frauen, deren amouröse und sexuelle Erlebnisse und Freundschaft ebenso wie ihre Auseinandersetzungen, Diskussionen und Gedanken zu fast allen Fragen menschlicher Beziehungen dargestellt werden.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:06:22 „Jaja, das hatten wir doch auch in der Sex and the City-Folge, ich weiß nicht, ob wir... Ja, das stimmt, du hast es gesagt, dass du, wenn du das HBO, wie nennt man das, Rauschen, oder es ist ja eher so ein akustisches... kein Geräusch, aber ein akustischer Effekt, dass der bei dir schon ganz viel Reminiszenzen auslöst.“
Ijoma Mangold verweist auf eine frühere Podcast-Folge über Sex and the City, in der Lars über das charakteristische HBO-Jingle gesprochen hat. Der Verweis dient als Parallele zum Phänomen der Producer Tags im Rap – akustische Markenzeichen, die Vorfreude und Wiedererkennung auslösen.
Artikel über Deutschland-Diskurs in der Süddeutschen Zeitung
Peter Richter
Peter Richter beschreibt in diesem SZ-Stück, wie sich das internationale Ansehen Deutschlands gewandelt hat. Das Klischee deutscher Effizienz und Zuverlässigkeit steht zur Debatte, nachdem Infrastruktur, Verwaltung und Wirtschaft in der Wahrnehmung des Auslands zunehmend als marode gelten. Richter illustriert diesen Imagewandel anhand einer konkreten Szene und fragt, was vom alten Deutschlandbild noch übrig ist.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:08:28 „Der Peter Richter hatte kürzlich in einem hübschen Artikel in der Süddeutschen Zeitung von einer Szene geschrieben“
Artikel über das veränderte internationale Bild von Deutschland und deutscher Effizienz
Es reitet der Tod
Wilhelm Petersen
Es reitet der Tod ist ein Gemälde des SS-Malers Wilhelm Petersen, das die dunkelste Periode der deutschen Geschichte widerspiegelt. Das Werk hing im Arbeitszimmer eines hochrangigen SS-Mitglieds auf Sylt und wurde zum Zeugnis der künstlerischen Verherrlichung durch das Naziregime. Für die Familiengeschichte des Eurotrash-Erzählers steht das Bild stellvertretend für die tiefe Verstrickung der eigenen Familie in die NS-Ideologie. Das Gemälde dokumentiert die kunsthistorische und ethische Dimension einer belasteten Vergangenheit.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:27 „Ein SS-Maler, Petersen, Wilhelm Petersen, ein Gemälde von dem in seinem Arbeitszimmer in Kampen auf Sylt hängen hatte, das hieß Es reitet der Tod.“
Mangold beschreibt die Familiengeschichte des Eurotrash-Erzählers: Der Großvater mütterlicherseits war in der SS und hatte ein Gemälde des SS-Malers Wilhelm Petersen in seinem Arbeitszimmer hängen. Das Bild symbolisiert die NS-Verstrickung der Familie.
Mäcki-Figuren
Wilhelm Petersen
Comic-Figuren des SS-Malers Wilhelm Petersen, ab 1945 in der Zeitschrift Hör zu veröffentlicht. Ein eigenständiges künstlerisches Werk, mit dem sich Petersen nach dem Krieg als Illustrator neu erfand und das die Ästhetik seiner Zeit prägte.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:27 „Bis er dann die sogenannten Mäcki-Figuren erfand, von denen hatte ich noch nichts gehört, aber die wurden dann abgedruckt in der Hör zu und die haben selber wiederum, wenn die zum Beispiel nach Afrika reisen, ihre eigenen rassistischen Monstrositäten hervorgebracht.“
Ijoma Mangold erzählt die Handlung von Eurotrash und beschreibt den SS-Maler Wilhelm Petersen, der nach 1945 keine Aufträge mehr bekam und dann die Mäcki-Comicfiguren für die Zeitschrift Hör zu erfand – ein zweites, eigenständiges Werk neben dem bereits erfassten Gemälde 'Es reitet der Tod'.
Faserland
Christian Kracht
Ein junger Mann irrt durch die alte Bundesrepublik. Wir schreiben das Jahr 1995, und die Mauer ist gefallen, das interessiert den jungen Mann aber nicht. Von Nord nach Süd lässt er sich treiben, von Sylt zum Bodensee, dann weiter nach Zürich ans Grab von Thomas Mann. Betrunken ist er häufig, angewidert eigentlich ständig. Von den Menschen, dem Land, der Zeit. Geld hat er viel, Stil auch, nur Halt hat er keinen. Er versteht alles, sagt er, dann entgleitet ihm wieder alles.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:32:19 „Der neue Roman von Christian Kracht wurde bereits vom Verlag angekündigt als irgendwie eine Fortsetzung von Faserland.“
Vorgängerroman von Christian Kracht aus dem Jahr 1995, der als Referenzwerk ausführlich besprochen wird
Imperium
Christian Kracht · 2012
Eine deutsche Südseeballade In »Imperium« erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans eines Melville, Joseph Conrad, Robert Louis Stevenson oder Jack London spielt. Die Welt wollte er retten, eine neue Religion stiften, gar ein eigenes Reich gründen – eine Utopie verwirklichen, die nicht nur ihn selbst, sondern die Menschheit erlöst, fernab der zerstörerischen europäische...
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:32:48 „Ich muss einen kleinen Disclaimer machen. Ich habe tatsächlich bis heute das Buch Imperium von ihm nicht gelesen, die anderen schon. Falls du mir das gleich vorwirfst, dass ich das nicht gelesen habe und deswegen das alles nicht verstehe.“
Weisbrod gibt zu, dass er Imperium als einzigen Kracht-Roman nicht gelesen hat. Mangold erwähnt später, dass nach Erscheinen von Imperium der Spiegel Kracht als 'Türsteher rechten Denkens' bezeichnete, was die kontroverse Rezeptionsgeschichte des Autors verdeutlicht.
Nox
Thomas Hettche
Postmoderner Roman, der Literatur und Geschichte verflechtet. Die Erzählung erforscht Fragen von Identität und kulturellem Gedächtnis durch experimentelle literarische Techniken und war eines der prominentesten Werke seiner Generation.
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:37:23 „Das wollte ich sagen, als wenn ein neuer Roman von Thomas Hetsche erschien. Das stimmt nicht. Nox von Thomas Hetsche war durchaus auch ein Buch, von dem man, das ich damals las, weil alle, was immer alle heißt, darüber sprachen.“
Mangold erwähnt Nox von Thomas Hettche als Vergleichsgröße, als er über die Energie spricht, die Mitte der 1990er mit dem Erscheinen von Faserland verbunden war. Auch Nox war damals ein vieldiskutiertes Buch.
Ich werde hier sein im Sonnenlicht und im Schatten
Christian Kracht · 2020
Der Krieg der Schweizer. »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist die literarische Erfindung eines alternativen Verlaufs der Weltgeschichte seit dem 1. Weltkrieg. Eine spannende Reise ans Ende der Nacht ... Es ist das Jahr 1917. Lenin besteigt n i c h t den plombierten Waggon von Zürich nach St. Petersburg. Die russische Revolution findet n i c h t statt. Stattdessen erlebt die Schweiz einen kommunistischen Umsturz, und die Geschichte des 20.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:44:02 „Dann kam raus dieser für mich ja ganz besondere Roman, der kracht so auszeichnet, dass er auch sowas geschrieben hat. Im Sonnenschein und im Schatten. Den du als Vertreter des deutschen Literaturbetriebs Establishments natürlich in deiner Rezension auch ignoriert hast.“
Weisbrod verteidigt sich gegen den Vorwurf, er stehe nur auf Realismus, indem er diesen alternate-history-Roman als seinen besonderen Kracht-Favoriten nennt. Er erzählt, wie eine Frau, in die er verliebt war, ihm nach einer Lesung einen Satz daraus schickte und ihn damit wieder zum Kracht-Fan machte. Mangold räumt ein, dass die Literaturkritik mit fantastischer Literatur Schwierigkeiten hat.
1979
Christian Kracht · 2020
Teheran 1979: Die Stadt liegt in einem schwer durchschaubaren Taumel, es ist der Vorabend der islamischen Revolution – des Aufstandes der Anhänger Ajatollah Khomeinis gegen den Schah und sein westliches Regime. Der Erzähler, ein junger deutscher Innenarchitekt, und sein hoch gebildeter, zynischer, gesundheitlich zerstörter Freund Christopher reisen zu der Musik von Devo und Blondie durch den Iran bis nach Teheran.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:44:20 „Und habe zum Beispiel 1979 gar nicht gelesen, als es rauskam.“
Roman von Christian Kracht, den Lars zunächst nicht gelesen hatte, aber später als großartig empfand
Die Toten
Christian Kracht · 2016
Die Wiedergeburt der gothic novel aus dem Geist des Kinos Christian Krachts neuer Roman »Die Toten« führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen Jahre der Weimarer Republik, als die Kultur der Moderne, besonders die Filmkultur, eine frühe Blüte erlebte. Hier, in Berlin, »dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation«, versucht ein Schweizer Filmregisseur, angestachelt von einem gewissen Siegfried Kracauer und einer gewissen Lotte Eisner, den UFA-Tycoon Hugenberg zur Finanzier...
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:50:15 „Diese Faszination, die Christian Kracht dann tatsächlich ja für viele Positionen der Gegenmoderne hat, das spielt er auch in Die Toten ganz grandios durch, der führte immer wieder zu diesem Verdacht, ob wir es da in einem weitesten Sinne irgendwie rechtslastigen Autor zu tun hätten.“
Mangold erwähnt Die Toten im Kontext der Kracht-Debatte über dessen angebliche Rechtslastigkeit. Der Roman wird als Beispiel dafür angeführt, wie Kracht seine Faszination für Positionen der Gegenmoderne literarisch durchspielt.
Philosophische Untersuchungen
Ludwig Wittgenstein · 2001
Posthumously published work by Wittgenstein, in which he came to overthrow some number of his earlier ideas as published in the Tractatus.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:07:51 „Wir haben es schon mehrmals Wittgenstein genannt, es ist wie bei Wittgenstein der Hase und die Ente. Dieses Bild, wo man manchmal einen Hasen sieht und manchmal eine Ente.“
Weisbrod greift auf Wittgensteins berühmtes Hasen-Enten-Kippbild zurück, um das ästhetische Problem bei Kracht zu beschreiben: Je nach Blickwinkel wirkt ein preziöses Bild entweder als bewusste Ironie oder als schlechtes Schreiben – und es gibt keine stabile Entscheidung zwischen beiden Lesarten.
Das Literarische Quartett
Marcel Reich-Ranicki
Das Literarische Quartett ist eine deutsche Talkshow, in der Moderatoren und Gäste über aktuelle Bücher diskutieren und literarische Themen debattieren. Die Sendung wird von Thea Dorn moderiert und gilt als renommiertes Forum für kulturelle Debatten. Im Podcast wird die Show humorvoll als Beispiel für die Integration unerwarteter Personen in die Literaturszene erwähnt, was den absurden Gedanken eines Auftritts von Arafat Abou-Chaker dort verdeutlicht.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:09:15 „Schau mal, wie oft im literarischen Quartett seligen Angedenkens, als Reich Ranitzky es noch leitet, wie oft kam das zu der Situation, wo, was weiß ich, meistens Sigrid Löffler sagte, ja, dieser Roman ist ein Roman über die Langeweile. Und dann hat sich Reich Ranitzky erregt, aber auch ein Roman über die Langeweile darf selber nicht langweilig sein.“
Mangold verweist auf das Literarische Quartett unter Reich-Ranicki, um zu illustrieren, dass der Streit über ironisch-bewusst schlechte vs. tatsächlich schlechte Literatur eine alte Aporie des Literaturdiskurses ist. Die Sendung dient als historisches Beispiel für genau diese wiederkehrende Debatte.