Was soll der Maskenstolz
Lars Weisbrod, Ijoma Mangold
Zurück aus der Sommerpause widmen sich die beiden einem Thema, das bewusst nicht mehr brandaktuell ist: der Corona-Maske und dem Kulturkampf, der sich an ihr entzündet hat. Statt im Eifer des Gefechts wollen sie mit analytischem Abstand verstehen, was der Maskenstreit über unsere politischen Reflexe verrät — ein typischer Feuilleton-Zugang, der die Historisierung der Aufregung vorzieht.
„Der Zustand, wo wirklich die Kugeln durch die Luft fliegen, der ist vorbei. Und das ist, glaube ich, immer ganz gut, um ein wenig analytisch-systematische Ordnung in den Schlachtenlärm einzuführen.“
Erwähnte Medien (15)
Hart aber fair
Louis Klamroth · 2001
„Hart aber fair“ ist eine wöchentliche politische Talkshow. Moderator Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen ein aktuelles kontroverses Thema. Vor dem Wechsel ins Hauptprogramm der ARD lief die Sendung sieben Jahre lang im WDR-Fernsehen.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:00:38 „so ein richtiges Knaller-Aufreger-Thema, so Kategorie Frank Plasberg, hart aber fair“
Die TV-Talkshow wird als Vergleich für das Aufregungspotenzial des Themas Maskenpflicht herangezogen
Der Begriff des Politischen
Carl Schmitt · 2009
Klassisches Werk der Politischen Theorie, das das Politische über die Freund-Feind-Unterscheidung definiert. Die zentrale These: Die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Freund und Feind macht die Essenz des Politischen aus. Das Werk wird als Extremposition im Spektrum politischer Theorien herangezogen und dient als Kontrastfolie zu deliberativen Demokratiemodellen.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:01:43 „Ich will es möglichst mit Karl Schmidt ausdrücken, die Verfeinschaftungsenergien ihr Maximum erreicht haben.“
Ijoma Mangold greift auf Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung zurück, um die Polarisierung in der Maskendebatte zu beschreiben. Er verwendet den Begriff 'Verfeinschaftungsenergien', der direkt auf Schmitts politische Theorie verweist.
Documenta
Die Documenta ist eine der weltweit wichtigsten Kunstausstellungen und war lange Zeit Pflichttermin für Kunstprofessionals. Das Zitat dokumentiert einen kulturellen Wandel: Während Kuratoren früher kuratierte Ausstellungen wie die Documenta oder Skulpturenprojekte Münster besuchten, konzentrieren sie sich heute auf Kunstmessen wie Art Basel. Dies zeigt, wie der kommerzielle Kunstmarkt zunehmend die künstlerische Geschichtsschreibung dominiert.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:05:28 „Und zwar war Cedric Jürgensen auf der Documenta. Das ist natürlich sowieso ein guter Ort.“
Die Kunstausstellung Documenta in Kassel wird als Ort beschrieben, an dem ein neurodiverses Künstlerkollektiv auftrat und geschlechterneutrale Toilettenschilder zu finden waren
Coronavirus-Update
Christian Drosten / NDR
Welcome to this weekly podcast series that explored the pandemic from the perspective of researchers across UCL. At UCL, our experts took a prominent role in advancing public knowledge about Covid-19. The 'Coronavirus: The Whole Story' podcast highlighted UCL's interdisciplinary expertise on Covid-19 - focusing on its management, mitigation, eventual halt, and preparing for a post-coronavirus world.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:18:20 „Ich erinnere noch so im März, würde ich sagen, 2020, den Drosten-Podcast gehört zu haben und Drosten sagte, naja, eine Maske zu tragen würde gar nichts bringen. Sie sei allerdings eine schöne Geste der Höflichkeit oder der Rücksichtnahme gegenüber anderen.“
Ijoma Mangold erinnert sich an den Drosten-Podcast vom März 2020, um die wechselhafte Geschichte der Maskenpolitik zu illustrieren. Er war damals gerührt davon, dass der Virologe Drosten das Masketragen als 'schöne Geste der Höflichkeit' bezeichnete, obwohl er es wissenschaftlich zunächst für unwirksam hielt.
Wollen wir die maskierte Gesellschaft
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmanns Artikel kritisiert scharf die Maskenpflicht und vergleicht das Verhüllen des Gesichts mit religiöser Vermummung und Obszönität. Der Text löste heftige öffentliche Debatten aus, bei denen Kritiker die Argumentation als teilweise fehlerhaft bewerteten, während andere die rhetorische Überspitzung des Autors verteidigten.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:23:10 „Da schließt sehr gut ein Aufreger-Text von Daniel Kehlmann an, den Kehlmann vor fünf, sechs Wochen, nämlich am 29. Juli in der FAZ veröffentlicht hatte. Wollen wir die maskierte Gesellschaft, war der Artikel überschrieben und über den haben sich sehr viele sehr aufgeregt.“
Ijoma Mangold bringt einen Artikel von Daniel Kehlmann aus der FAZ ins Gespräch, der die Maskenpflicht scharf kritisierte. Mangold zitiert ausführlich den ersten Absatz, in dem Kehlmann das Verhüllen des Gesichts mit religiöser Vermummung und Obszönität vergleicht. Der Artikel löste heftige Debatten aus, Lars Weisbrod findet die Argumentation teilweise falsch, während Mangold Kehlmanns rhetorische Überspitzung verteidigt.
Philipperbrief
Paulus · 2020
Im vorliegenden Band sind Eve-Marie Beckers Arbeiten zur Person des Paulus und zu seiner literarischen Tätigkeit zusammengestellt. Besonderes Interesse gilt dabei dem Philipperbrief und seiner Rezeptions- und Wirkungsgeschichte bis zu Ernst Lohmeyer. Die Beiträge stehen im Zusammenhang der Kommentierung des Briefs für die Serie: "Meyers Kritisch-Exegetischer Kommentar (KEK)". Der Kommentar soll die wirkmächtige Auslegung von Ernst Lohmeyer (1928/1930) ersetzen.
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:35:32 „Bei Paulus gibt es diese schöne Formulierung, das ist auch ein Vorwurf an die Masse, an die bequeme Masse, es gäbe Menschen, die hätten ihren Bauch zu ihrem Gott gemacht.“
Ijoma Mangold zitiert den Apostel Paulus, um die moralische Überhöhung des Maskentragens religionssoziologisch einzuordnen. Die strenge Maskenbefürworter-Fraktion verhalte sich wie protestantische Moralisten, die Maskenskeptikern vorwerfen, sie hätten 'ihren Bauch zu ihrem Gott gemacht' – also leibliche Bequemlichkeit über Solidarität zu stellen.
The Circle
Dave Eggers · 2013
INTERNATIONAL BESTSELLER • A bestselling dystopian novel that tackles surveillance, privacy and the frightening intrusions of technology in our lives—a “compulsively readable parable for the 21st century” (Vanity Fair). When Mae Holland is hired to work for the Circle, the world’s most powerful internet company, she feels she’s been given the opportunity of a lifetime.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:37:09 „Der Schriftsteller Dave Eggers, der diese dystopischen Romane schreibt über Welten, wo sozusagen das Silicon Valley zu so einer Totalkontrollüberwachungsapparatur herangewachsen ist. Und in diesen Welten ist es ja so, dass die Leute das gar nicht schlimm finden.“
Lars Weisbrod zieht Dave Eggers' dystopische Silicon-Valley-Romane als Parallele zu seinem Unbehagen beim Maskenthema heran. Wie bei Eggers die meisten Figuren die Totalüberwachung begrüßen und nur wenige Kritiker in Fatalismus verfallen, fühle er sich als einsamer Skeptiker, der die Maskenpflicht hinterfragt, während die Mehrheit sie als unproblematisch empfindet. Der konkrete Romantitel wird nicht genannt, aber die Beschreibung verweist klar auf 'The Circle' und dessen Nachfolger.
Dialektik der Aufklärung
Theodor W. Adorno, Max Horkheimer · 2010
Die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gemeinsam verfasste »Dialektik der Aufklärung« ist der wichtigste Text der Kritischen Theorie und zugleich eines der klassischen Werke der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Philosophische Kritik, Auseinandersetzung mit dem Faschismus und die Resultate langjähriger empirischer Untersuchungen in den USA verschmelzen hier zu einer Theorie der modernen Massenkultur.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:37:25 „Odysseus muss die Sirenen passieren, das Schiff und die Crew lockt in den sicheren Untergang, aber sie dürfen den Gesang nicht hören. Und was macht Odysseus in diesem abendländischen Urmoment, wie Adorno und Horkheimer ihn da beschrieben haben? Er lässt sich an den Mast fesseln von seiner Crew, damit er zwar diesen Sirenengesang hören kann, aber er kann nicht mehr das Schiff umlenken.“
Lars Weisbrod nutzt die berühmte Odysseus-Interpretation aus der Dialektik der Aufklärung als Analogie für das Maskentragen. So wie Odysseus sich an den Mast fesseln lässt, um den Sirenen zu widerstehen, sei auch die Maske eine Form der Selbstfesselung – funktional sinnvoll, aber mit einem Preis der Entwürdigung verbunden. Ijoma Mangold steigt in die Diskussion ein und verweist auf die instrumentelle Vernunft und den bürgerlichen Kunstgenuss, die Adorno und Horkheimer in dieser Szene herausarbeiten.
Odyssee
Homer
Homers Epos über die zehnjährige Irrfahrt des Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Auf seiner Heimreise nach Ithaka begegnet er Kyklopen, Sirenen und anderen Gefahren. Eines der Gründungswerke der europäischen Literatur.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:37:25 „Odysseus muss die Sirenen passieren, das Schiff und die Crew lockt in den sicheren Untergang, aber sie dürfen den Gesang nicht hören. Und was macht Odysseus in diesem abendländischen Urmoment, wie Adorno und Horkheimer ihn da beschrieben haben? Er lässt sich an den Mast fesseln von seiner Crew.“
Die Sirenen-Episode aus Homers Odyssee dient Lars Weisbrod als zentrale Analogie für seine Maskenkritik. Er vergleicht das Maskentragen mit der Selbstfesselung des Odysseus: beides sei rational begründbar, habe aber einen Preis – eine Form der Entwürdigung, die man benennen dürfe, ohne das Mittel grundsätzlich abzulehnen.
Dystopische Romane von Dave Eggers
Dave Eggers · 2023
Negative Zukunftsvisionen haben in den letzten Jahren den Buchmarkt im Sturm erobert. Woher kommt unsere Faszination für dunkle Zukunftsaussichten? Können uns die Dystopien aus der Krise führen oder lenken sie uns mitten hinein? Alexander Sperling nimmt das Phänomen Dystopie fundiert in den Blick und zeigt detailliert auf, wie humorvoll, selbstironisch und konstruktiv der Untergang heute daherkommt.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:45:48 „Der Schriftsteller Dave Eggers, der diese dystopischen Romane schreibt über Welten, wo sozusagen das Silicon Valley zu so einer Totalkontrollüberwachungsapparatur herangewachsen ist“
Dave Eggers' dystopische Romane über Silicon-Valley-Überwachung werden als Parallele herangezogen – die Figuren begrüßen die Kontrolle, nur wenige Kritiker verfallen in Fatalismus, ähnlich wie bei der Maskendebatte
Logik der Forschung
Karl Popper · 2005
Logik der Forschung. Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft (Impressum 1935, tatsächlich 1934) bzw. The Logic of Scientific Discovery (1959) ist das erkenntnistheoretische Hauptwerk von Karl Popper. Er charakterisiert darin empirische Wissenschaft über das Abgrenzungskriterium der Falsifizierbarkeit und vertritt den Standpunkt, dass sie die Falsifikation als Methode anwenden sollte.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:50:38 „Denn wenn Wissenschaft irgendetwas ist, dann ist sie ja immer dieses erneut in Frage stellen, den Zweifel anbringen, nicht das zu schnelle Fazit zielen, sich im Karl Popperschen Sinne Tausend und einem Falsifizierungsversuch auszusetzen.“
Ijoma Mangold kritisiert die Haltung des 'Follow the Science' als unwissenschaftlich und beruft sich dabei auf Karl Poppers Falsifikationsprinzip. Er argumentiert, dass echte Wissenschaft immer den Zweifel und die Überprüfung beinhalte, nicht eine festungsartige Haltung.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe · 2018
Goethes »Faust. Der Tragödie erster Teil« mit 200 Wort- und Sacherklärungen für ein besseres Textverständnis Goethes »Faust« ist schlichtweg das Menschheitsdrama. Es ist das Drama des nach Erkenntnis strebenden Menschen, der an seine eigenen Grenzen stößt. In seinem Existenzhunger überschreitet Faust diese Grenze und geht einen Pakt mit dem Teufel ein. Goethes Faust-Dichtung ist eines der wort- und motivgewaltigsten Dramen der deutschen Literatur.
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:52:41 „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Dann sagt Faust, was ist mit diesem Rätselwort gemeint?“
Mephistos berühmtes Zitat aus Faust wird herangezogen, um das Prinzip des Zweifels als potenziell verführerische und destruktive Kraft zu illustrieren
Merchants of Doubt (Händler des Zweifels)
Naomi Oreskes, Erik M. Conway
Das Buch untersucht, wie Fossilkonzerne systematisch Wissenschaftler engagierten, um Zweifel an Klimaforschungsergebnissen zu säen. Es zeigt, wie die bewusste Verbreitung von Unsicherheit als Strategie gegen wissenschaftliche Erkenntnisse eingesetzt wurde und damit das wissenschaftliche Prinzip des Zweifels selbst in Verruf geriet.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:53:06 „Es gibt dieses berühmte Buch, was beschreibt, wie gekaufte Wissenschaftler im Namen der Fossilkonzerne diese, für den Zweifel sozusagen kannst du dir engagieren. Also, dass der Zweifel selbst in Verruf geraten ist, sozusagen als Prinzip.“
Im Gespräch über die Rolle des wissenschaftlichen Zweifels erwähnt Lars Weisbrod ein bekanntes Buch, das beschreibt, wie Fossilkonzerne gezielt Wissenschaftler engagierten, um Zweifel an Klimaforschungsergebnissen zu säen. Er nennt den Titel nicht explizit, beschreibt aber eindeutig 'Merchants of Doubt' von Oreskes und Conway. Das Buch dient ihm als Beleg dafür, dass der Zweifel als wissenschaftliches Prinzip selbst in Verruf geraten ist.
Interview mit Christian Drosten
Christian Drosten, Chefvirologe der Charité, stellt sein neues Buch „Alles überstanden?" vor und blickt darin kritisch auf die Pandemie und ihre Folgen für die Gesellschaft zurück. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung äußert Drosten Bedauern darüber, dass er bestimmte Aspekte während der Coronakrise nicht deutlicher kommuniziert hat. Das Buch soll keine reißerische Horrorgeschichte sein, sondern eine reflektierte Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen und sozialen Lehren aus Covid-19. Der Interview-Partner Marc-Uwe Kling und die Journalisten Christina Berndt und Felix Hütten treffen Drosten im Ullstein-Haus in Berlin.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:56:17 „Deswegen habe ich mit großer Freude das Interview mit Christian Drosten letzte Woche in der SZ gelesen, weil er da sagt, angesichts der Harmlosigkeit von Corona trage er auch keine Maske mehr. Wenn er allerdings eine Bäckerei betrete und feststelle, dass da eine besorgte ältere Dame, die ihrerseits eine Maske trägt, stünde, dann ziehe er die Maske auf, aber einfach nur, weil es schön ist, in diesem Sinne wieder anzutreten.“
Mangold zitiert ausführlich ein Interview mit dem Virologen Christian Drosten in der Süddeutschen Zeitung. Er hebt besonders Drostens entspannten Umgang mit dem Masketragen hervor: Drosten trage selbst keine mehr, ziehe sie aber rücksichtsvoll auf, wenn er merke, dass es jemanden verunsichere. Mangold sieht darin eine vorbildliche menschliche Lockerheit und Beweglichkeit. Weisbrod liest dieselbe Passage anders – Drosten orientiere sich am gesellschaftlichen Konsens, was typisch deutsch sei.
Song of Myself (Leaves of Grass)
Walt Whitman · 1973
Since 1855, Walt Whitman's Song of Myself has been enjoyed, debated, parodied and imitated by readers, critics and artists crossing national and linguistic boundaries. Many argue that it is the most influential poem ever written by an American. This sourcebook and critical edition provides easy access to: * information on the contexts of Whitman's work, including biographical details and a chronology * an overview of the critical reception of the poem and extracts from important criticism, repri...
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:59:19 „Ja, ich bin groß, in mir sind viele Wahrheiten. Ich weiß nicht, wer das nochmal gesagt hat.“
Weisbrod paraphrasiert Walt Whitmans berühmten Vers 'I am large, I contain multitudes' aus 'Song of Myself', kann sich aber nicht erinnern, von wem das Zitat stammt. Er nutzt es, um zu rechtfertigen, dass ein Mensch durchaus widersprüchliche Haltungen einnehmen darf – passend zur Diskussion über Drostens scheinbar inkonsistente Aussagen zum Masketragen.