Warum wir uns nach gutem Streit sehnen
Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Was ist guter Streit, und warum gelingt er uns so selten? Die Folge kreist um die gesellschaftliche Schieflage zwischen bequemem Konsens und feindseliger Konfrontation — und landet, passend zur Vorweihnachtszeit, auch beim Klassiker des Familienstreits unterm Tannenbaum. Gleich zu Beginn liefern die Hosts selbst eine Kostprobe: ein spontaner Schlagabtausch über das generische Maskulinum, bei dem Svenja Flaßpöhler als Kronzeugin bemüht wird.
„Entweder wir streiten zu wenig und sind zu kuschelig oder wir wünschen uns gleich alles Schlimme und Gewalt an den Hals.“
Erwähnte Medien (14)
Podcast-Gespräch mit Christopher Clark
Podcast-Diskussion mit dem Historiker Christopher Clark über die Fixierung historischer Vergleiche auf die NS-Zeit. Clark argumentiert, dass das 19. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg fruchtbarere historische Parallelen bieten, etwa zum russischen Imperialismus. Ein Gespräch über Erinnerungskultur und alternative historische Perspektiven.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:07:49 „Ich hatte gerade einen interessanten Podcast mit dem eminenten Historiker Christopher Clarke gehört, da ging es eben auch um die Frage der Erinnerung und ob wir eine zu starke Fixierung haben auf das Dritte Reich.“
Ijoma Mangold berichtet von einem Podcast, in dem Christopher Clark die These vertritt, dass historische Vergleiche zu stark auf 1933–1945 fixiert seien, während das 19. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg fruchtbarere Parallelen böten – etwa zum russischen Imperialismus.
Griff nach der Weltmacht
Fritz Fischer · 1961
This professor's great work is possibly the most important book of any sort, probably the most important historical book, certainly the most controversial book to come out of Germany since the war. It had already forced the revision of widely held views in Germany's responsibility for beginning and continuing World War 1, and of supposed divergence of aim between business and the military on one side and labor and intellectuals on the other.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:09:28 „Ich glaube der Historiker hieß Fischer, der die in die Welt gesetzt hat, aber das müsste von der Dokumentation gegengecheckt werden, dass man eigentlich gerne an der Alleinschuld-These festgehalten hätte.“
Im Gespräch über Christopher Clarks 'Schlafwandler' und die Frage der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg erwähnt Mangold den Historiker Fritz Fischer, der mit seiner 'Fischer-Kontroverse' die These der deutschen Hauptschuld am Ersten Weltkrieg begründete. Mangold kontrastiert diese Position mit Clarks Ansatz.
Artikel über Twitter-Blasen
Jens Jessen
Die Schuld an der Polarisierung der Gesellschaft wird stets den "Filterblasen" im Netz gegeben. Aber ist wirklich die Abschottung von anderen Meinungen das Problem?
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:12:29 „Jens Jessen mal bei uns beschrieben in einem sehr schönen Artikel, vielleicht können wir den unten verlinken, die anderen Blasen ja von außen transparent waren.“
Lars Weisbrod verweist auf einen Artikel des Zeit-Kollegen Jens Jessen, der beschrieben habe, dass das Besondere an Twitter war, dass man die politischen Blasen anderer Nutzer von außen transparent einsehen konnte – ein zentrales Argument gegen die These einer reinen Fragmentierung sozialer Netzwerke.
Agatha All Along
· 2024
Agatha Harkness versammelt einen Hexenzirkel und begibt sich auf eine gefährliche Reise.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:14:17 „Außerdem gab es, ich nenne nur zwei andere Beispiele noch, diesen Herbst eine sehr schöne, mal wieder endlich Comic-Marvel-Serie, Agatha All Along. Auch in dieser ging es um eine Gruppe von Hexen, ein Hexenzirkel, mehrere Hexen.“
Lars Weisbrod nennt die Marvel-Serie als zweites Beispiel für den Hexen-Trend in der Popkultur. Er hebt hervor, dass es eine gelungene Serie war, in der ein Hexenzirkel gemeinsam ein Abenteuer erlebt.
Dune Prophecy
· 2024
10.000 Jahre vor dem Aufstieg von Paul Atreides bekämpfen die Harkonnen-Schwestern Kräfte, die die Zukunft der Menschheit bedrohen, und gründen die sagenumwobene Sekte Bene Gesserit.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:14:49 „Es gibt ja eine neue Dune-Serie nochmal bei HBO, die heißt Dune Prophecy. Und auch dort spielen die sogenannten Bene Gesserit, also ein Orden von Frauen in diesem Dune-Universum, die Hauptrolle und die kann man durchaus auch als Hexen, also wie so eine Art Space-Hexen bezeichnen.“
Als drittes Beispiel für den Hexen-Trend nennt Lars Weisbrod die HBO-Serie aus dem Dune-Universum. Er argumentiert, dass der weibliche Orden der Bene Gesserit strukturell als eine Art Space-Hexen gelesen werden kann, auch wenn Ijoma Mangold einwendet, sie erinnerten eher an einen Nonnenorden.
Die potente Frau
Svenja Flaßpöhler · 2018
Svenja Flaßpöhler plädiert für eine neue Weiblichkeit. Erst wenn Frauen sich selbst und ihre Lust als potente Größe begreifen, befreien sie sich aus der Opferrolle. Erst wenn sie Autonomie nicht bloß einfordern, sondern wagen sie zu leben, sind sie wahrhaft selbstbestimmt. Und nur so kann das Geschlechterverhältnis gelingen.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:32:47 „Und zwar schreibt sie an einer Stelle, ein wichtiges Erlebnis für sie ist MeToo und dann ist sie mit ganz vielem nicht einverstanden, gerade wie sie findet aus ihrer feministischen Perspektive, was die MeToo betrifft. Und schreibt dann ein Buch, Die potente Frau, und sagt dann sogar, wenn sie das heute nochmal liest, hätte sie wohl einige provozierende Stellen abgemildert.“
Nina Pauer beschreibt, wie Flasspöhler in ihrem Streit-Buch auf ihr früheres Werk zurückblickt. Flasspöhler räumt ein, dass sie manches heute milder formulieren würde, verteidigt aber die damalige Polemik als notwendigen Bohrer, um einen verkrusteten Konsens aufzubrechen. Pauer widerspricht dieser Rechtfertigung.
Hart aber fair
Louis Klamroth · 2001
„Hart aber fair“ ist eine wöchentliche politische Talkshow. Moderator Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen ein aktuelles kontroverses Thema. Vor dem Wechsel ins Hauptprogramm der ARD lief die Sendung sieben Jahre lang im WDR-Fernsehen.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:38:10 „Der Titel war: Nur ja keinen Zwang. Ist unsere Politik beim Impfen zu feige? Die Beschreibung der Folge ist, in Deutschland sind zu viele Menschen ungeimpft. Die vierte Welle trifft das Land mit voller Wucht. Warum sind wir wieder unvorbereitet? Knickt die Politik ein vor den Impferweigerern?“
Nina Pauer zitiert Titel und Beschreibung einer konkreten Hart-aber-fair-Folge aus dem Herbst 2021, in der Flasspöhler als einzige Gegnerin einer Impfpflicht auftrat. Die tendenziöse Rahmung der Sendung dient als Paradebeispiel dafür, wie eine Minderheitsposition in der Debatte systematisch in die Ecke gedrängt wurde.
Theorie des kommunikativen Handelns
Jürgen Habermas · 1995
Die Theorie des kommunikativen Handelns ist auf Bedürfnisse der Gesellschaftstheorie zugeschnitten. Zunächst leistet sie einen Beitrag zur Bedeutungstheorie. Wir verstehen einen Sprechakt, wenn wir wissen, was ihn akzeptabel macht. Ferner stellt sich die Theorie des kommunikativen Handelns die Aufgabe, die in die kommunikative Alltagspraxis eingelassene Vernunft aufzusuchen und aus der Geltungsbasis der Rede einen unverkürzten Begriff der Vernunft zu rekonstruieren.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:46:00 „Habermas ist gewissermaßen sowieso die Folie, vor der sich all diese Fragen immer wieder stellen, weil der ja gewissermaßen der Hausphilosoph der alten Bonner Republik ist und mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns die Philosophie der letzten fünf, sechs Jahrzehnte auch maßgeblich geprägt hat.“
Mangold führt Habermas' Hauptwerk als theoretischen Rahmen für die Streitdebatte ein. Die Idee der deliberativen Demokratie und des 'zwanglosen Zwangs des besseren Arguments' wird als Idealvorstellung vorgestellt, die dann mit dem Machtrealismus von Münkler und dem Dezisionismus von Spähmann kontrastiert wird.
Der Peloponnesische Krieg
Thukydides · 2017
Thukydides hat sein unvollendetes Werk über den Peloponnesischen Krieg als ‚Besitztum für immer‘ für die Nachwelt konzipiert. Es wird hier in einer neuen Übersetzung vorgelegt, die einerseits die Eigenwilligkeit des Originals getreuer wiedergibt, sich andererseits jedoch von der heutigen deutschen Sprache weniger entfernt als vorhandene Versionen. Der Band bietet außerdem eine ausführliche Einleitung sowie erläuternde Anmerkungen.
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 00:49:26 „Schreibt Thukydides, der die Historiografie des Peloponnesischen Kriegs geschrieben hat, gibt es eine Delegation der Polis Athens, der im Inselstaat die Melia heißen. Und die Melia wollen jetzt in diesem Sinne auf Augenhöhe in einen Dialog treten mit den Unterhändlern aus Athen und die sagen, wie sollen wir denn auf Augenhöhe diskutieren, wir sind ja die militärisch überlegene Macht.“
Mangold greift den berühmten Melierdialog aus Thukydides' Geschichtswerk auf, um Herfried Münklers machtrealistischen Gegenentwurf zu Habermas zu illustrieren: Zwischen ungleich Mächtigen zählt nicht das bessere Argument, sondern die militärische Überlegenheit.
Dune
Frank Herbert
Set on the desert planet Arrakis, Dune is the story of the boy Paul Atreides, heir to a noble family tasked with ruling an inhospitable world where the only thing of value is the "spice" melange, a drug capable of extending life and enhancing consciousness. Coveted across the known universe, melange is a prize worth killing for... When House Atreides is betrayed, the destruction of Paul's family will set the boy on a journey toward a destiny greater than he could ever have imagined.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:50:02 „Artischer Sehpunkt gibt es bei Dune nicht, da kenne ich mich nicht aus, da musst du jemand anderen fragen.“
Nina Pauer macht einen humorvollen Nebenwitz, als sie 'Attischer Seebund' mit Dune assoziiert, und gibt sofort zu, sich damit nicht auszukennen. Eine rein beiläufige Erwähnung ohne inhaltlichen Bezug.
Agonistik. Die Welt politisch denken
Chantal Mouffe · 2014
Die SPD wirbt mit »Das Wir entscheidet«, die CDU mit »Gemeinsam erfolgreich« – die Wahlplakate unterstreichen, wie politischer Wettbewerb heute meist aussieht: konsensorientiert und ohne klare Alternativen. Der Ansatz Chantal Mouffes zielt in die entgegengesetzte Richtung: Der agonistische Wettstreit der Ideen ist ein fundamentaler Bestandteil des Politischen.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:52:34 „Belgische Politologin Chantal Mouffe ins Gespräch, die sagt, der politische Streit entsteht schon, weil es auf der allergrundsätzlichsten Ebene ein absolutes Nichtverstehen gibt mit der anderen Seite. Ein Nichtverstehen, das durch keine noch so deliberative Gesprächssituation im Sinne einer universellen Vernunft aufgelöst werden kann.“
Mangold stellt Chantal Mouffes Konzept des Agonismus als zentralen Baustein in Flasspöhlers Argumentation vor. Mouffe schlägt vor, den politischen Gegner als Gegner und nicht als Feind zu behandeln – der Antagonismus bleibt erhalten, ohne in Vernichtungsabsicht umzuschlagen. Dieser Mittelweg zwischen Habermas und Schmitt ist das Herzstück der besprochenen Streitphilosophie.
Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren
Svenja Flaßpöhler · 2021
»Sensibilität ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Im Kampf um Anerkennung unterdrückter Gruppen spielt sie eine wichtige Rolle. Aber sie kann auch vom Progressiven ins Regressive kippen. Über diese Dialektik müssen wir nachdenken, um die gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden.« Svenja Flaßpöhler Mehr denn je sind wir damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:54:51 „Also, wir sprechen ja insgesamt immer noch darüber, wie Svenja Flaßpöhler, die Philosophin ist, in ihrem Buch spricht. Die Philosophie des Streites entfaltet, so nenne ich es jetzt mal.“
Das Buch von Svenja Flaßpöhler ist das zentrale Werk, um das sich die gesamte Folge dreht. Die Sprecher diskutieren Flasspöhlers Philosophie des Streits, in der sie sowohl Habermas' deliberatives Modell als auch Schmitts Freund-Feind-Logik kritisiert und stattdessen Chantal Mouffes agonistischen Ansatz als dritten Weg vorschlägt.
Vision
David Marr · 2010
Available again, an influential book that offers a framework for understanding visual perception and considers fundamental questions about the brain and its functions. David Marr's posthumously published Vision (1982) influenced a generation of brain and cognitive scientists, inspiring many to enter the field. In Vision, Marr describes a general framework for understanding visual perception and touches on broader questions about how the brain and its functions can be studied and understood.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:02:45 „Marr hieß der Mann, glaube ich, der hat mal versucht sozusagen zu beschreiben, wie das Auge funktioniert letztlich auf allen Ebenen. Von der Biologie bis zur Philosophie of Mind, wie das sozusagen im Gehirn verarbeitet wird, auf welchen Ebenen.“
Nina Pauer greift auf David Marrs berühmte Unterscheidung zwischen Computational Level und Implementational Level zurück, um eine Analogie zum Streiten zu ziehen: Es gibt eine abstrakte theoretische Ebene (wie bei Habermas) und eine Ebene der konkreten Umsetzung in der Gesellschaft. Mangold findet die Metapher amüsant komplex.
Text über kognitive Ressourcen in der Corona-Debatte
Nina Pauer
Der Artikel behandelt die Rolle von Informationszugang in der Corona-Debatte und diskutiert, wie Impfskeptiker während der Pandemie nicht ausreichend Zugang zu Argumenten und kognitiven Werkzeugen hatten, um ihre Position nachvollziehbar zu vertreten. Nina Pauer untersucht, wie die begrenzte Verfügbarkeit von differenzierten Informationen in Suchmaschinen und öffentlichen Diskursen zu einer einseitigen Debatte führte.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:07:08 „Auch den Text können wir unten nochmal verlinken, wer das genauer nachlesen will, meine Sorge war immer, dass man zum Beispiel dem Impfgegner oder Verweigerer oder was auch immer, Impfskeptiker, um mal die softe Variante zu nehmen, gar nicht in der Öffentlichkeit die kognitiven Ressourcen zur Verfügung gestellt hat, die besten Argumente für seine Position zu finden.“
Nina Pauer verweist auf einen eigenen, zuvor veröffentlichten Text, in dem sie argumentiert, dass in der Corona-Debatte Impfskeptikern nicht die kognitiven Werkzeuge zur Verfügung gestellt wurden, um ihre Position argumentativ zu vertreten. Sie bietet an, den Text in den Shownotes zu verlinken.