Ist die Bibel bloß ein altes Buch
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
In Folge 159, ausgestrahlt am Reformationstag, stellen die Pfarrerstöchter die Frage, ob die Bibel noch als große Erzählung für unsere Kultur taugt — und nebenbei, was nach dem Podcast kommt, der mit der Apokalypse enden wird, weil die Bibel nun mal ein Ende hat. Johanna Haberer und Sabine Rückert erzählen auch von Hörern, die den Podcast sonntags als Kirchenersatz nutzen — ein Befund, den sie gleichzeitig schlecht und irgendwie gut finden.
„Nach wie vor das meistgekaufte Buch auf der Welt. Wahrscheinlich nicht das meistgelesene Buch.“
Erwähnte Medien (11)
Heiland im Handy
Annette Zoch
Wenn die KI sich zum Heiland aufschwingt: Die Bibel ist immer noch das meistverkaufte Buch der Welt – doch längst werden christliche Inhalte digital an die Gläubigen gebracht. Nicht immer ganz im Sinne der Kirchen.
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:05:50 „Die Süddeutsche Zeitung hat zum Beispiel im August dieses Jahres geschrieben, Heiland im Handy, folgenden Text von Annette Zoch. Kein Bestseller reicht an diese Zahlen heran. Mit geschätzten 5 Milliarden Exemplaren ist die Bibel mit großem Abstand das meistverkaufte Buch der Welt.“
Sabine Rückert präsentiert eine Presseschau zum Thema Bibel in der modernen Welt. Der Artikel aus der Süddeutschen Zeitung beschreibt, wie die digitale Verbreitung der Bibel über Apps erstmals die gedruckten Exemplare übertrifft und wie KI zunehmend eine Rolle in der Verbreitung der christlichen Botschaft spielt.
Missionieren auf TikTok
Der Stern-Plus-Artikel porträtiert christliche Influencer auf TikTok, insbesondere die Hamburgerin Rose de Jesus, die mit ihrer Followerschaft christliche Inhalte und die Liebe zu Gott teilt. Die mit religiösen Symbolen geschmückte Influencerin nutzt die Social-Media-Plattform als modernes Missionsmedium. Der Text zeigt, wie traditionelle religiöse Inhalte in zeitgenössischen Medienformaten weiterleben.
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:12:37 „Ich bin jetzt bei Stern. Stern Plus missionieren auf TikTok. Das ist der nächste Text vom Stern Plus. Drei goldene Ketten schmücken ihren Hals, daran hängen ein Löwenkopf und der Schriftzug Jesus und zahlreiche kleine Kreuze.“
Im Rahmen der Presseschau liest Sabine Rückert einen Stern-Plus-Artikel über religiöse Influencer auf TikTok vor, insbesondere über eine Hamburger Online-Missionarin namens Rose, die ihre Follower mit christlichen Inhalten bespielt. Der Artikel wird als Beispiel dafür herangezogen, wie die Bibel in modernen Medienformaten weiterlebt.
Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!
RTL · 2004
Zehn bis zwölf Personen des öffentlichen Lebens, zumeist Prominente, die länger nicht in Erscheinung getreten sind, und sogenannte B-Prominente, leben für zwei Wochen in einem sogenannten Dschungelcamp in Australien, ähnlich dem Format Big Brother, unter ständiger Beobachtung. Der Titel der Sendung suggeriert fälschlicherweise, dass die Show-Teilnehmer schnellstens aus dem angeblichen Dschungel entkommen möchten, bezieht sich jedoch eigentlich auf den „Hilferuf“, mit dem die Prominenten ihre Tei
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:15:51 „Und deswegen braucht sie für diese Reise ins Dschungelcamp biblische Hilfe. Am Samstag startet Lilly Becker, Ex-Frau von Tennis-Legende Boris Becker, ihren Trip nach Australien am 24. Januar 2021, zieht sie dort als höchstbezahlte Teilnehmerin aller Zeiten ins RTL Dschungelcamp ein.“
Sabine Rückert liest aus einem Bild-Zeitungsartikel über Lilly Becker vor, die nach ihrer Scheidung von Boris Becker ins RTL-Dschungelcamp zieht und dafür ihre Bibel als Begleitung mitnimmt.
Das Beste aus Söders Welt
Der Artikel sammelt humorvolle Zitate aus den Instagram-Posts des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder aus dem Jahr 2024. Die Sammlung enthüllt Söders private Leidenschaften: Er ist bekennender Science-Fiction-Fan (Star Wars, Star Trek, Marvel), seit Jugendtagen anhänglicher 1. FC Nürnberg-Anhänger und Fast-Food-Liebhaber (McRib und Big Mac). Der Ministerpräsident offenbart in seinen Posts auch religiöse Wurzeln mit Bezug zur Bibel, Liebe zu Hunden und ausgeprägten Weihnachtsfanatismus. Die Süddeutsche Zeitung präsentiert diese gesammelten Äußerungen als ironisches Porträt der persönlicheren, weniger politischen Seite eines prominenten Politikers.
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:16:22 „Also der bayerische Ministerpräsident Söder, der hat auch einen Kanal, Instagram. Da ist er, aber er redet auch über die Bibel, mein Lieber. Da hat eben die Süddeutsche Zeitung einen kleinen Best-of Söders Welt zusammengestellt.“
Sabine Rückert zitiert aus einer Zusammenstellung der Süddeutschen Zeitung, in der Söders Instagram-Videos gesammelt werden. Darin liest Söder aus der Bibel vor und empfiehlt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Beitrag dient als humorvolles Beispiel dafür, wie die Bibel auch in der politischen Selbstinszenierung eine Rolle spielt.
Eine kurze Geschichte der Menschheit
Yuval Noah Harari · 2024
Der Millionenseller jetzt aktualisiert und mit neuem Nachwort Vor 100.000 Jahren lebte Homo Sapiens als unbedeutende Spezies in einem abgelegenen Winkel des afrikanischen Kontinents. Heute ist der Mensch Herr und Schrecken des Planeten. Wie konnte es dazu kommen? In seiner fulminanten Reise von den Menschenaffen bis zum Cyborg entwirft Yuval Noah Harari mit seinem international gefeierten Bestseller »Sapiens - Eine kurze Geschichte der Menschheit« das große Panorama unserer eigenen Geschichte – ...
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:17:38 „Und diese Begrifflichkeit von der großen Erzählung, die kommt ja eigentlich von dem Historiker und Autor, Publizisten Harari. Der hat ja der Religion sozusagen den Zug gesprochen oder die Religion beschrieben als die kulturelle Leistung, die die große integrative Erzählung für Menschen, Gruppen, Völker oder eben auch Menschheiten geleistet haben.“
Johanna Haberer verweist auf Hararis Konzept der 'großen Erzählung', das er auf Religionen anwendet. Sie beschreibt seine ambivalente Haltung: Einerseits habe die biblische Erzählung das Volk Israel zusammengehalten, andererseits plädiere Harari dafür, problematische Teile wie territoriale Ansprüche zu verwerfen. Der genaue Buchtitel wird nicht genannt, aber es handelt sich erkennbar um Hararis Hauptwerk.
Mein Leben in 13 Büchern
Gregor Gysi
Autobiographisches Sachbuch, in dem 13 prägende Bücher ein Leben erzählen. Der Fokus liegt auf der Bibel als moralischer Anker – auch aus atheistischer Perspektive. Das Werk erkundet, wie Literatur und religiöse Texte universelle Moralvorstellungen verankern.
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:20:42 „Gregor Gysi ist ein Politiker in Deutschland, ein linken Politiker mit einer SED-Vergangenheit, einem jüdischen Vater und Atheist, also ein bekennender Atheist. Der wird im Oktober sein Buch rausbringen. Mein Leben in 13 Büchern. Und da hat er 13 Kapitel über Bücher, die sein Leben bestimmt haben.“
Sabine Rückert liest ausführlich aus Gregor Gysis kommendem Buch vor, in dem der bekennende Atheist und Linkspolitiker die Bibel als eines von 13 prägenden Büchern seines Lebens beschreibt. Das Kapitel über die Bibel wird zum zentralen Textbeleg der Episode, dass die Bibel auch für Nichtgläubige als große Erzählung relevant bleibt. Gysi argumentiert, dass nur Religion allgemein verbindliche Moralvorstellungen verankern könne.
Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation
Ernst-Wolfgang Böckenförde · 1995
Böckenfördes klassisches Werk zur Säkularisation des Staates analysiert die Paradoxie, dass der freiheitliche Rechtsstaat auf Werte angewiesen ist, die er selbst nicht erzwingen kann. Das berühmte Böckenförde-Diktum verdeutlicht, warum Demokratie auf kulturellen und moralischen Grundlagen beruht, die außerhalb ihrer eigenen institutionellen Reichweite liegen und daher besonders schutzbedürftig sind.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:27:21 „Ich glaube, dass der berühmte Satz von Böckernförde, Mitte der 50er Jahre gesagt, dass der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schafft. Und damit ist ja gemeint, die Vorstellung, dass es Fermente, dass es Erdreich gibt, woraus die Menschen leben, die der Staat auch nicht regulieren kann und auch nicht schaffen kann.“
Johanna Haberer greift das berühmte Böckenförde-Diktum auf, um zu argumentieren, dass Religion eine Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben liefert, die der Staat selbst nicht schaffen kann. Sie diskutiert dies im Kontext der Frage, ob Religion die einzige Quelle von Moral sei.
Der König David Bericht
Stefan Heym · 2021
Eine Parabel auf den Konflikt zwischen Intellektuellen und Machthabern in allen Zeiten Salomo, jüngster Sohn und Nachfolger König Davids beruft eine Kommission ein: Sie soll einen Bericht über Leben und Taten Davids verfassen, der die göttliche Erwähltheit Davids und damit auch die Legitimation von Salomos Herrschaft bestätigen soll.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:42:01 „Das hat ja den Stefan Heym dazu gebracht, in der damaligen DDR den König-Davids-Bericht zu schreiben. Das ist ein Roman, wo er sich Gedanken darüber macht, wie man unter den Bedingungen der Diktatur die Wahrheit schreibt.“
Johanna Haberer zieht eine Parallele von der biblischen David-Geschichte zur Literatur der DDR. Stefan Heyms Roman nutzt die alttestamentliche Erzählung als Folie, um über Wahrheit und Macht unter diktatorischen Bedingungen zu reflektieren. Haberer sieht darin ein Muster für die spirituelle Dimension des Journalismus – den Mut, der Macht zu widersprechen.
The Emptiness Machine
Linkin Park
Linkin Park ist eine im Jahr 1996 in Los Angeles gegründete Band, die zumeist dem Crossover oder Nu Metal zugeordnet wird. Hohe Chartplatzierungen unter anderem in den USA und Deutschland, massives Airplay, verschiedene gewonnene Musikpreise und anhaltende Unterstützung durch Massenmedien und Fans sind die Gründe dafür, dass Linkin Park heute als eine der bekanntesten und bestverkaufenden Rockbands gilt. Entstehung und Namensänderung (1996–1999)
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:45:37 „Ich weiß nicht, ob Sie den Text erkannt haben. Es handelt sich um den Text von Linkin Park, Emptiness Machine, Maschine der Leere. Und ich habe mir dann gedacht, die Bibel ist eigentlich für mich etwas, was mich vor dieser Maschine der Lehre, es gibt alle möglichen Interpretationen im Netz, was das bedeutet, ein Mensch in einer toxischen Beziehung, der Mensch im Konsumrausch, der Mensch in einer Arbeitshölle.“
Sabine Rückert liest zunächst den gesamten Songtext auf Deutsch vor und löst dann auf, dass es sich um Linkin Parks 'Emptiness Machine' handelt. Sie deutet den Song auf mehreren Ebenen – als Beschreibung toxischer Beziehungen, Konsumrausch oder Arbeitshölle – und stellt ihn dann überraschend in einen biblischen Kontext: Der Text könnte auch von Hiob stammen und sich an Gott richten.
Das Wesen des Christentums
Ludwig Feuerbach · 1841
Feuerbach argumentiert, dass Gottesvorstellungen Projektionen menschlicher Wünsche und besten Eigenschaften sind. Das Werk analysiert, wie Menschen ihre idealen Qualitäten in die Figur Gottes projizieren und damit ein falsches Bewusstsein ihrer selbst schaffen.
🗣 Johanna Haberer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:50:02 „Ja, das sagt der Feuerbach auch schon.“
Im Gespräch über die These, dass die Gottesfigur aus dem Gefühl der Leere der Menschheit erschaffen wurde, verweist Johanna Haberer auf Feuerbach. Die Anspielung bezieht sich auf Feuerbachs berühmte Projektionstheorie – dass Gott eine Projektion menschlicher Wünsche sei –, die er in seinem Hauptwerk formulierte. Der genaue Titel wird nicht genannt, die Referenz ist aber eindeutig.
Der Mythos des Sisyphos
Albert Camus
Camus' philosophisches Essay über das Absurde der menschlichen Existenz. Er erforscht die paradoxe Weisheit, dass Erfüllung und Glück trotz der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens möglich sind – wie bei Sisyphus, der zur ewigen Wiederholung verdammt ist.
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:52:57 „Wir haben es mit einem Kern in der Bibel zu tun, der absurd ist. Das ist fast wie bei Albert Camus.“
Sabine Rückert beschreibt den Kern des Neuen Testaments als absurd – ein unsichtbarer Gott, der seinen Sohn ermorden lässt – und vergleicht diese Absurdität mit Camus. Der Verweis auf Camus' Absurditätsphilosophie ist implizit; ein konkretes Werk wird nicht genannt, aber die Assoziation mit seinem philosophischen Hauptwerk liegt nahe.