Der Gollum
Sabine Rückert, Andreas Sentker & Tobias Timm
Im September 2010 fällt Zollbeamten im Eurocity von Zürich nach München ein 77-jähriger Mann mit österreichischem Pass auf — morgens leere Kuverts im Köfferchen, abends 9.000 Euro in 500-Euro-Scheinen, angeblich aus Kunstverkäufen seines Vaters. Die Summe liegt knapp unter der Deklarationsgrenze, der Mann darf weiterreisen, doch die Beamten notieren seine Personalien. Was im Stillen folgt, ist eine Ermittlung, die zu einem der spektakulärsten Kunstfunde der deutschen Nachkriegsgeschichte führt — mit Werken von Picasso, Nolde, Franz Marc und Beckmann.
„Dann gehen sie zusammen auf die Zugtoilette und durchsuchen ihn und finden dabei ein Kuvert, in dem sich 9.000 Euro in 500-Euro-Scheinen befinden.“
Erwähnte Medien (12)
Der Löwenbändiger
Max Beckmann
Max Beckmanns Aquarell "Der Löwenbändiger" von 1930 ist ein 97 × 64 cm großes Werk auf Papier, das verschiedene alternative Titel trägt (Zirkus, Dompteur). Das Werk hat eine bewegte Provenianzgeschichte: Nach dem Verkauf an die Berliner Galerie Flechtheim 1931 wechselte es mehrfach den Besitzer, kam 1934 in die Sammlung von Hildebrand Gurlitt und wurde nach dessen Tod auf Erben vererbt. 2011 erschien das Werk bei der Auktion Lempertz in Köln und erzielte einen Zuschlagspreis von 720.000 Euro. Das Werk wurde in zahlreichen bedeutenden Ausstellungen zwischen 1930 und 1956 präsentiert und ist im Werkverzeichnis der Aquarelle und Pastelle Beckmanns dokumentiert. Es befindet sich heute in privater Hand.
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:07:56 „Er hat im Herbst 2013 ein Gemälde, eine Gouache versteigert in Köln. Was ist das, eine Gouache? Eine Gouache ist ein Bild, was mit so Deckfarben ist. Ein bisschen ähnlich dem Aquarell, aber mit deckenderen Farben. Das Bild heißt Der Löwenbändiger und stammt von Max Beckmann. Und es bringt über 800.000 Euro auf der Auktion.“
Andreas Sentker schildert, wie die Ermittler auf Cornelius Gurlitt aufmerksam wurden. Die Versteigerung der Beckmann-Gouache für über 800.000 Euro bei einer Kölner Auktion war ein entscheidender Hinweis, der die Behörden zum Handeln brachte — ein Mann ohne Steuernummer und Krankenversicherung handelt offenbar mit wertvoller Kunst.
Der Herr der Ringe
J. R. R. Tolkien
Ein ungewöhnlicher Held. Eine Reise voller Gefahren. Das größte Abenteuer aller Zeiten. In einem ruhigen Dorf im Auenland bekommt der junge Frodo ein Geschenk, das sein Leben für immer verändern wird – den Einen Ring, der seit Jahrhunderten als verschollen galt. Ein mächtiges und furchterregendes Ding, mit dem der Dunkle Herrscher einst Mittelerde versklavte.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:11:04 „Weißt du, wie es klingt? Es klingt wie Gollum. Das ist Gollum. Gollum, der mein Schatz ist. Der sitzt auf diesen Bildern, für die er nichts gearbeitet hat, die er irgendwann mal vom Schicksal übermittelt bekam und sitzt da drauf in einer einsamen Tropfsteinhöhle und freut sich an seinem Schatz.“
Rückert vergleicht Cornelius Gurlitt, der allein in seiner vollgestopften Wohnung auf seinem Kunstschatz sitzt, mit der Figur Gollum aus Tolkiens Herr der Ringe. Der Vergleich mit dem besessenen Hüter eines Schatzes, den er nie selbst erworben hat, dient als plastische Charakterisierung von Gurlitts Existenz.
Klavierspielerin
Carl Spitzweg
Zeichnung von Carl Spitzweg, zeigt eine Klavierspielerin. Das Werk ist ein prominenter Raubkunst-Fall: Es gehörte dem jüdischen Sammler Hinrichsen und war in Hildebrand Gurlitts Sammlung versteckt, obwohl die Familie es als im Krieg verbrannt deklariert hatte. Ein bedeutsames Zeugnis der Kunstplünderung während der Nazi-Herrschaft.
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:11:52 „Zum Beispiel eine Spitzwegzeichnung hängt in der Diele. Das ist gleich so ein Fall, der dann eben auch für die ganz großen Schlagzeilen viel später dann sorgen wird. Das ist nämlich ein Fall von Raubkunst. Diese Zeichnung, eine Klavierspielerin, die gehörte ursprünglich einem jüdischen Sammler, Hinrichsen.“
Sentker beschreibt, was die Ermittler in Gurlitts Wohnung vorfanden. Die Spitzweg-Zeichnung einer Klavierspielerin hing in der Diele und wurde zu einem der prominentesten Raubkunst-Fälle der Sammlung — sie gehörte dem jüdischen Sammler Hinrichsen und war von der Familie Gurlitt als im Krieg verbrannt deklariert worden.
Porträt des Cornelius Gurlitt (Spiegel-Reportage)
Özlem Gezer
Jahrzehntelang hütete Cornelius Gurlitt einen Kunstschatz aus der Nazizeit. Mit SPIEGEL-Autorin Özlem Gezer sprach er darüber 2013 zum ersten Mal - eine preisgekrönte Reportage, neu entdeckt zum 70. SPIEGEL-Geburtstag.
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:12:00 „Der Spiegel hat es ja sogar geschafft, ihn drei Tage zu begleiten. Das war Özlem Gezer. Die hat ihn tatsächlich, diesen zurückgezogenen Gurlum, für sich gewonnen und tagelang begleitet und hat eine sehr, sehr eigenartige Figur vorgefunden“
Eine Spiegel-Reportage von Özlem Gezer, die Cornelius Gurlitt mehrere Tage begleitete und ein Porträt des zurückgezogenen Kunstsammlers zeichnete.
Porträt über Cornelius Gurlitt (Spiegel-Reportage)
Özlem Gezer
Jahrzehntelang hütete Cornelius Gurlitt einen Kunstschatz aus der Nazizeit. Mit SPIEGEL-Autorin Özlem Gezer sprach er darüber 2013 zum ersten Mal - eine preisgekrönte Reportage, neu entdeckt zum 70. SPIEGEL-Geburtstag.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:12:33 „Der Spiegel hat es ja sogar geschafft, ihn drei Tage zu begleiten. Das war Özlem Gezer. Die hat ihn tatsächlich, diesen zurückgezogenen Gurlum, für sich gewonnen und tagelang begleitet und hat eine sehr, sehr eigenartige Figur vorgefunden, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint.“
Rückert erwähnt die Spiegel-Reportage von Özlem Gezer, die es als eine der wenigen Journalistinnen schaffte, den menschenscheuen Cornelius Gurlitt tagelang zu begleiten. Die Reportage zeichnete das Bild eines völlig aus der Zeit gefallenen Mannes, der nur für seine Kunstsammlung lebte.
Schwabinger Kunstfund (Focus-Titelgeschichte)
Der Focus-Bericht über den Schwabinger Kunstfund: Im November 2013 berichtete das Magazin zuerst von der Entdeckung der wertvollen Kunstsammlung des Sammlers Cornelius Gurlitt und setzte mit einer Milliarden-Schlagzeile weltweite Aufmerksamkeit auf den Fund. Die tatsächliche Bewertung der Sammlung lag deutlich unter dieser Summe, da ein großer Teil der Werke aus Papierarbeiten bestand. Der Artikel wurde später als Beispiel für übertriebene Berichterstattung kritisiert.
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:16:02 „Das war die große Titelzeile des Fokus, der als Erster über diese Hausdurchsuchung und über diesen Schwabinger Kunstfund, wie er dann genannt wurde, berichtet hat. Das war später, im November 2013. Und diese Headline mit der Milliarde, die war sehr übertrieben.“
Sentker korrigiert die Behauptung, Gurlitts Sammlung sei eine Milliarde wert gewesen. Der Focus hatte als erstes Medium im November 2013 über den 'Schwabinger Kunstfund' berichtet und mit der Milliarden-Schlagzeile für weltweites Aufsehen gesorgt — die tatsächliche Bewertung lag deutlich darunter, da die meisten Werke Papierarbeiten waren.
Fokus-Artikel über den Schwabinger Kunstfund
Der Artikel berichtet über den spektakulären Fund der Gurlitt-Sammlung in einem Münchner Privathaushalt, einer der größten Kunstsammlungen aus geraubtem und als entartet klassifiziertem Kunstgut der Nazis. Der Focus war das erste Medium, das 2013 über die Hausdurchsuchung in Schwabing und die Beschlagnahmung der Werke im Gesamtwert von etwa einer Milliarde Euro berichtete. Der Fund enthielt Werke von Künstlern, die von den Nazis verboten worden waren und deren Kunstwerke systematisch beschlagnahmt und verkauft wurden.
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:18:13 „Das war die große Titelzeile, das Fokus, der als Erster über diese Hausdurchsuchung und über diesen Schwabinger Kunstfund, wie er dann genannt wurde, berichtet hat. Das war später, im November 2013.“
Der Focus-Artikel, der im November 2013 als erstes Medium über die Beschlagnahmung der Gurlitt-Sammlung in Schwabing berichtete und die Schlagzeile mit einer Milliarde Euro brachte.
Entartete Kunst (Ausstellung 1937)
Die Ausstellung „Entartete Kunst" war eine NS-Propagandaschau von 1937, die moderne Kunstwerke absichtlich verunglimpfend präsentierte, um die Kunstideologie des Regimes zu verbreiten. Die als „degeneriert" diffamierten Werke wurden anschließend verkauft oder zerstört. Der Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert dieses wichtige Kapitel der Kunstzensur und seine Auswirkungen auf die Kunstgeschichte.
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:18:50 „Daher dieser Begriff entartete Kunst, wie hieß diese Ausstellung? Genau, es gibt eine Ausstellung, die beispielsweise in München und dann auch gezeigt wird und dann auch reist durch das ganze Deutsche Reich, in der diese Kunst gezeigt wird.“
Die Nazi-Propagandaausstellung von 1937, in der als 'entartet' diffamierte moderne Kunst absichtlich verunglimpfend präsentiert wurde, bevor sie verkauft oder zerstört wurde.
Zwei Reiter am Strand
Max Liebermann
Gemälde des jüdischen Künstlers Max Liebermann, das zwei Reiter am Strand darstellt. Das Werk war Teil des Kunstfunds Gurlitt und wurde als NS-bedingte Kulturgutverlust aus der Sammlung des jüdischen Sammlers Friedmann aus Breslau identifiziert. Es wurde später an die Erben restituiert – ein bedeutsames Beispiel für die Rückgabe von verfolgungsbedingtem Kulturgut.
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:35:33 „Wir kamen dann ziemlich schnell darauf, dass ein Bild, was in einer eiligst einberufenen Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft gezeigt wurde, das war nämlich ein Gemälde von Liebermann, einem jüdischen Maler. Und es zeigt zwei Reiter am Strand. Das liegt hier vor mir, ein wunderschönes Bild.“
Im Zuge der Berichterstattung über den Gurlitt-Kunstfund wurde dieses Liebermann-Gemälde auf einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft präsentiert. Es stellte sich heraus, dass es in der offiziellen Datenbank für NS-bedingte Kulturgutverluste gesucht wurde – die Erben des jüdischen Sammlers Friedmann aus Breslau hatten es dort registriert. Das Bild wurde schließlich restituiert, allerdings erst kurz vor dem Tod des Erben.
Papageienbild
August Macke
Gemälde des deutschen Expressionisten August Macke mit Papageienmotiv, das bei einer Berliner Auktion für über zwei Millionen Euro versteigert wurde. Das Werk dokumentiert die Kunstsammlung der Familie Gurlitt und belegt deren frühe Profite aus dem Kunsthandel, noch vor dem Schwabinger Kunstfund.
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:45:19 „Beispielsweise gab es da ein Gemälde, ein schönes Gemälde von August Macke, ein Papageienbild. Das hat lange bevor Cornelius Gurlitz Wohnung durchsucht wurde, hat es einen Rekordpreis erzielt in einem Berliner Auktionshaus. Wurde für über zwei Millionen Euro versteigert.“
Sentker erzählt, dass nicht nur Cornelius Gurlitt Kunstwerke aus dem Erbe seines Vaters besaß, sondern auch dessen Schwester Bilder verkaufte. Das Macke-Gemälde mit Papageienmotiv erzielte bei einer Berliner Auktion über zwei Millionen Euro – ein Hinweis darauf, dass die Familie Gurlitt schon vor dem Schwabinger Kunstfund von den Werken profitierte.
Porträt der Contessa Collioni
Fra Galgario (Fra Gislandi)
Spätbarockes Porträt einer Gräfin von Fra Gislandi (Fra Galgario), entstanden um 1700. Das Gemälde ist ein typisches Beispiel für die Porträtmalerei des italienischen Barock und zeigt die charakteristische Eleganz und Prächtig der Epoche in der Darstellung der Contessa Collioni. Das Werk gewann historische Bedeutung als Beispiel von NS-Raubkunst: Es war dem jüdischen Galeristen Rautsticker in Amsterdam entrissen worden und gelangte über Nazi-Funktionäre nach Südamerika, wo es jahrzehntelang als verschollen galt.
🗣 Unbekannt referenziert bei ⏱ 00:47:10 „Es ist nämlich die Contessa Collioni. Und du weißt, wer sie gemalt hat. [...] Sie wurde gemalt von Fra Gislandi, einem spätbarocken Porträtmaler. [...] Das Bild stammt vom Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts.“
Ein spätbarockes Porträtgemälde, das über den NS-Kunsträuber Friedrich Katgin nach Argentinien gelangte und dort zufällig in einem Immobilieninserat wiederentdeckt wurde.
Bernsteinzimmer
Das Bernsteinzimmer war eine prunkvolle Kunstkammer des 18. Jahrhunderts, die während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis geraubt und seitdem verschollen ist. Der Artikel von GEO untersucht diesen berühmtesten Fall von Kriegsbeute und beleuchtet die ungeklärten Fragen um den Verbleib dieses einzigartigen Kulturschatzes. Das Thema verdeutlicht die systematische Plünderung von Kunstwerken während des Nazi-Regimes und die bis heute andauernden Bemühungen, geraubte Kulturgüter zu lokalisieren.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:55:00 „Ich weiß, während des Zweiten Weltkriegs ist auch das Bernsteinzimmer verschwommen gegangen. Hast du eine Spur?“
Am Ende des Gesprächs über NS-Raubkunst und die Gurlitt-Sammlung fragt Sabine Rückert nach weiteren verschwundenen Kunstschätzen und erwähnt das berühmte Bernsteinzimmer als prominentestes Beispiel verschollener Kriegsbeute.