Eine Liebe aus Klagenfurt und eine in Ost-Berlin
Adam Soboczynski, Iris Radisch
In dieser Folge geht es um Jenny Erpenbecks Roman «Kairos», der nach dem International Booker Prize in Großbritannien so gefragt ist, dass er ausverkauft ist — eine Liebesgeschichte im untergehenden Ost-Berlin. Dazu kommen Entdeckungen aus dem Nachlass von Ingeborg Bachmann, der großen Klagenfurterin, und eine Kurzgeschichte von Heiner Müller. Zum Einstieg entspinnt sich eine lebhafte Debatte über die Langeweile als Grundgefühl der modernen Existenz — und ob das wirklich so schlimm ist.
„Die schlimmsten Menschen sind doch diejenigen, die ständig mit großen Augen durch die Welt laufen und sich vor Glück gar nicht einkriegen können. Es muss ja etwas Sparsames sein, das Schöne, sonst ist es nicht mehr schön.“
Erwähnte Medien (20)
Die Frau mit den vier Armen
Jakob Nolte · 2024
Die Frau mit den vier Armen erzählt von traurigen Jungs, die das Glück suchen und den Tod finden. Abgründig, voller schräger Figuren und mit Witz zeigt Jakob Nolte ein Hannover, das es so noch nie gegeben hat, und erfindet den Niedersachsen Noir. Es geht um Polizeiarbeit, Gerechtigkeit und die Frage, ob man sich am Denken anderer schuldig machen kann. Inlineskates an den Füßen, Würgemale am Hals, Kopfhörer in den Ohren. Am Ufer der Ihme in Hannover liegt die Leiche eines jungen Mannes.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:04:40 „Der Autor heißt Jakob Nollte, der hat im Surkamp Verlag einen Roman geschrieben mit dem Titel Die Frau mit den vier Armen. Das ist erstmal überhaupt ein schöner Titel. Zweitens ist das ein, ja, ungewöhnlicher, düsterer, durchaus humorvoller, etwas verrückter, ungewöhnlicher Krimi, der das Krimi-Genre allerdings verlässt, weil er gegenwärts analytisch ist, auch so Film-Noir-Elemente hat und interessanterweise eine zwar häufig besprochene, aber immer noch unterschätzte Stadt behandelt, nämlich Hannover.“
Das Buch wird als Hauptempfehlung der Episode ausführlich besprochen. Adam Soboczynski und Iris Radisch diskutieren den Roman als ungewöhnlichen Krimi mit philosophischen Passagen, Film-Noir-Elementen und ironischem Stil, der in Hannover spielt. Iris Radisch lobt besonders die Kombination aus kurzen Blicken ins All, pascalschen Gedanken und der Krimihandlung.
Senza Casa
Ingeborg Bachmann · 2025
Posthum veröffentlichte autobiografische Skizzen und Notizen aus dem Nachlass. Die fragmentarischen Aufzeichnungen offenbaren existenzielle Unruhe, gescheiterte Liebesbeziehungen und die tiefe Sehnsucht nach Italien. Teils auf Italienisch verfasst, dokumentieren sie ihre psychische Erschütterung nach den Trennungen von Paul Celan und Max Frisch.
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:06:43 „Senza Casa heißen die, Senza Casa, autobiografische Skizzen, Notate“
Posthum veröffentlichte Zettel und Notizen aus Ingeborg Bachmanns Nachlass, die in der großen Ausgabe ihrer gesammelten Werke erscheinen
Kriegstagebuch
Ingeborg Bachmann · 2015
»Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde – das wird der schönste Frühling und Sommer bleiben. Vom Frieden merkt man nicht viel, sagen alle, aber für mich ist Frieden, Frieden!« 1945, unmittelbar nach Kriegsende, notiert die achtzehnjährige Ingeborg Bachmann diese Zeilen in ihrem Tagebuch. Aus ihnen sprechen die Abscheu vor der NS-Ideologie und die Erleichterung über das Ende der Nazi-Herrschaft.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:09:39 „Das ist retrospektiv auch schon in dem sogenannten Kriegstagebuch war das auch schon mal veröffentlicht. Das ist also die Zeit, wo diese autobiografische Skizze herkommt.“
Das bereits früher veröffentlichte Kriegstagebuch von Ingeborg Bachmann wird als Vergleichstext zu den neuen Nachlass-Notaten erwähnt. Die autobiografische Skizze über ihre Kindheit im Nationalsozialismus war dort bereits zu lesen.
Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Max Frisch
Max Frisch, Ingeborg Bachmann · 2024
Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Lange war ihre Liebe ein großes Geheimnis, jetzt ist sie dokumentiert. Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter, ist das bewegende Zeugnis zweier Menschen, die sich liebten und gegenseitig verletzten, die einander brauchten und doch nicht miteinander leben konnten.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:10:48 „Wie auch kürzlich erst unsere Hörerinnen und Hörer werden das vielleicht wissen, gab es ja auch den Briefwechsel zwischen Max Frisch und ihr. Du hast ja auch darüber geschrieben, ein großes Ereignis, dass das erscheinen konnte.“
Der lange gesperrte Briefwechsel zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann wird im Zusammenhang mit den neuen Nachlass-Notaten erwähnt. Iris Radisch erklärt, dass der Briefwechsel erst Jahrzehnte nach dem Tod beider veröffentlicht werden durfte und viel Spekulation über die Schuldfrage in dieser Liebesbeziehung auslöste.
Todesarten-Projekt
Ingeborg Bachmann · 1995
Das unvollendete Romanprojekt, in dem Bachmann ihre schmerzhaften Erfahrungen mit Max Frisch literarisch verarbeitete. Das Werk erforscht Todesarten als Ausdruck von Gewalt, Intimität und persönlicher Zerstörung — eine existenzielle Auseinandersetzung mit Liebe und Verletzung.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:11:36 „Und sich dann auch literarisch in dieses Todesartenprojekt gestürzt hat, wo man immer meinte, dass sie diese Verletzung, die sie durch Max Frisch vielleicht womöglicherweise erlitten hat, darin abarbeiten musste.“
Das unvollendete Romanprojekt von Ingeborg Bachmann wird erwähnt, weil es als literarische Verarbeitung der schmerzhaften Trennung von Max Frisch gilt. Iris Radisch ordnet es in den Kontext der neuen Nachlass-Notate ein.
Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Werner Henze
· 2024
Der dramatische Briefwechsel, vonseiten der Bachmann- wie der Frisch-Forschung kenntnisreich kommentiert, zeichnet ein neues, überraschendes Bild der Beziehung und stellt tradierte Bewertungen und Schuldzuweisungen in Frage. Frühjahr 1958: Ingeborg Bachmann – gefeierte Lyrikerin, Preisträgerin der Gruppe 47 und ›Coverstar‹ des Spiegel – bringt gerade ihr Hörspiel Der gute Gott von Manhattan auf Sendung.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:12:21 „Das hat wirklich eine Note, eine Note der Verzweiflung, die mir, wenn man sich den Briefwechsel zwischen den beiden, der ja schon lange ediert ist, anguckt, so nicht klar war.“
Der bereits edierte Briefwechsel zwischen Bachmann und dem Komponisten Hans Werner Henze wird als Vergleichsgrundlage herangezogen. Iris Radisch stellt fest, dass die neuen Notate eine Verzweiflung zeigen, die im bekannten Briefwechsel so nicht sichtbar war.
Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Paul Celan
Ingeborg Bachmann / Paul Celan · 2010
Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Lange war ihre Liebe ein großes Geheimnis, jetzt ist sie dokumentiert. Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter, ist das bewegende Zeugnis zweier Menschen, die sich liebten und gegenseitig verletzten, die einander brauchten und doch nicht miteinander leben konnten.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:14:14 „die andere große gescheiterte Liebesgeschichte mit Paul Celan, den sie ganz jung in Wien kennengelernt hat“
Die Liebesbeziehung zwischen Bachmann und Celan wird im Kontext der Pariser Notate erwähnt; der edierte Briefwechsel der beiden ist implizit referenziert
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Rainer Maria Rilke · 1910
Ich sehe seit einer Weile ein, daß ich Menschen, die in der Entwicklung ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen muß, in den Aufzeichnungen Analogien fur das zu finden, was sie durchmachen; wer der Verlockung nachgibt und diesem Buch parallel geht, muß notwendig abwarts kommen; erfreulich wird es wesentlich nur denen werden, die es gewissermaßen gegen den Strom zu lesen unternehmen.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:15:58 „Wo sie einsam ist, wo sie dieses typische Malte-Lauretz-Brigge-Gefühl alleine im Hotel und so weiter und so weiter.“
Iris Radisch vergleicht Bachmanns Einsamkeitsgefühl in Paris mit dem berühmten Roman von Rilke. Das Bild des einsamen Fremden im Hotelzimmer einer feindseligen Großstadt dient als literarische Referenz für Bachmanns Pariser Aufzeichnungen.
Mein Name sei Gantenbein
Max Frisch · 1967
Mein Name sei Gantenbein ist ein Roman des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Er wurde im Herbst 1964 veröffentlicht und zählt gemeinsam mit Stiller und Homo faber zu Frischs Prosa-Hauptwerk. Frisch greift in Mein Name sei Gantenbein mit der Frage nach der Identität eines Menschen und seiner sozialen Rolle ein Hauptthema seines Werks auf.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:17:34 „Er hat versucht, das Romanmanuskript von Mein Name sei Gantenbein, das ist ja der Roman, in dem sie sich so verraten fühlte in der Figur der Lila, dass er ihr das gezeigt hat, damit sie Änderungswünsche und so weiter.“
Der Roman wird im Kontext der Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann erwähnt. Bachmann fühlte sich in der Romanfigur Lila verraten und porträtiert – ein Vorgang, den sie laut den neuen Notaten als unverzeihlich empfand und der zu ihrer psychischen Erschütterung beitrug.
Kairos
Jenny Erpenbeck · 2023
Now in paperback, Jenny Erpenbeck’s Kairos is a dramatic love story that unfolds as the GDR implodes—“an intimate account of obsessive, transgressive passion” (Claire Messud, Harper’s) WINNER OF THE 2024 INTERNATIONAL BOOKER PRIZE LONGLISTED FOR THE 2023 NATIONAL BOOK AWARD FOR TRANSLATED LITERATURE LONGLISTED FOR THE 2024 NATIONAL TRANSLATION AWARD IN PROSE An epic storyteller with the most powerful voice in contemporary German literature, Jenny Erpenbeck has created an unforgettably compelling...
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:23:53 „Wir werden uns heute beschäftigen insgesamt mit drei weiteren Büchern, wie immer, nämlich mit Jenny Erpenbeck, Kairos, ein Buch, das schon 2021 erschienen ist Kairos, was aber jetzt sich rasend gut verkauft, weil es einen internationalen Preis bekommen hat, den International Booker Preis in Großbritannien und es ist auch gerade ausverkauft.“
Der Roman wird ausführlich besprochen, weil er den International Booker Prize gewonnen hat und sich dadurch rasend gut verkauft. Das Buch handelt von einer toxischen Liebesbeziehung zwischen dem 53-jährigen Schriftsteller Hans und der 19-jährigen Katharina im Ost-Berlin der späten 1980er Jahre. Die Diskussion dreht sich um die Darstellung des DDR-Intellektuellenmilieus und die Frage, ob das Buch in Deutschland unterschätzt wurde.
Der preußische Ikarus
Der preußische Ikarus ist ein historisches Lied, das die DDR-Kulturwelt prägt und in Ernst Buschs und Hanns Eislers Werk wurzelt. Das Werk behandelt Ambition und Scheitern in der deutschen Geschichte und reflektiert die Ideologien der DDR-Kulturszene. Im Roman Kairos wird das Lied als kulturelles Symbol für die Brechtschen und sozialistischen Strömungen der Zeit verwendet, die die intellektuelle Atmosphäre durchdrangen.
🗣 Iris Radisch erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:24:48 „man singt den preußischen Icarus“
Wird als Beispiel für die DDR-Kulturwelt im Roman Kairos genannt, in der ständig Brecht, Eisler und Busch präsent sind
Der preußische Ikarus
Heiner Müller · 2007
Die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR erfolgte im November 1976. Sie bedeutete einen tiefen Einschnitt in die Kulturgeschichte der DDR.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:26:39 „Mit Ernst Busch, man singt den preußischen Icarus, also es ist eine unendlich deutsche Thematik.“
Iris Radisch beschreibt das DDR-Intellektuellenmilieu in Jenny Erpenbecks Roman Kairos und zählt die kulturellen Referenzen auf, mit denen sich die Figuren umgeben – darunter Brecht, Hans Eisler, Ernst Busch und eben Heiner Müllers Text 'Der preußische Ikarus'.
Für unser Land (Aufruf)
· 2021
Stabilität durch Wandel Politische Ordnungen sind nur dann dauerhaft stabil, wenn sie inneren und äußeren Wandel angemessen verarbeiten. Die Beiträge dieses Bandes untersuchen diesen Zusammenhang. Sie analysieren Ordnung und Wandel in der DDR, in der Bundesrepublik Deutschland und unter den Bedingungen entgrenzter Staatlichkeit.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:29:15 „als dann so die Rede für unser Land. Es wird schon zugestanden, dass das Ideal nicht ganz verwirklicht war, aber es muss doch möglich sein. Bleibt in unserem Land, also dieser Aufruf zu bleiben, lasst uns einen dritten Weg finden.“
Der Aufruf 'Für unser Land' von November 1989, der zum Erhalt der DDR und einem dritten Weg aufrief, wird im Kontext von Erpenbecks Kairos erwähnt
Rezension zu Jenny Erpenbecks Roman
Helmut Böttiger
Jenny Erpenbecks Roman „Kairos" verwebt eine Liebesgeschichte mit einem Bild der späten DDR. Der ältere Schriftsteller Hans verliebt sich in die junge Katharina, eine Kostüm- und Bühnenbildnerin aus privilegiertem Hause, woraufhin sich ihre Beziehung als Anziehung zwischen einem überzeugten Sozialismusanhänger und einer Nachgeborenen entwickelt, die das DDR-System selbstverständlich akzeptiert. Durch intensive literarische Bezüge zu Heiner Müller und Bertolt Brecht werden Liebe und Trieb als Metaphern für die Ambivalenz zwischen Hoffnung und Vergeblichkeit in der Endphase der DDR eingesetzt. Der Roman ist keine Schlüsselliteratur, sondern Erpenbecks radikale Selbstvergewisserung ihrer eigenen DDR-Erfahrung und ihrer fortdauernden Fremdheit gegenüber der Bundesrepublik.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:29:15 „In der Vorbereitung habe ich mir nochmal angeschaut, was über den Roman geschrieben worden ist. Der Kritiker Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung war schon der Kritischste, fand ich sehr interessant.“
Adam Soboczynski referiert Helmut Böttigers Kritik in der Süddeutschen Zeitung zum Erpenbeck-Roman. Böttiger habe pointiert argumentiert, dass das beschriebene Sondermilieu kein repräsentatives DDR-Bild einfange – bei der ersten freien Wahl hätten 48 Prozent Kohl gewählt. Soboczynski stimmt dieser Einschätzung weitgehend zu.
Rezension zu Kairos
Helmut Böttiger
Jenny Erpenbecks Roman „Kairos" erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem älteren Schriftsteller Hans W. und der jungen Kostüm- und Bühnenbildnerin Katharina in der späten DDR. Hans verkörpert den widersprüchlichen intellektuellen Dissidenten – sozialistisch gesinnt, doch voller Zweifel – während Katharina die aufgewachsene DDR-Generation repräsentiert, die das System als selbstverständlich nimmt. Ihre Beziehung wird als existenzielle Utopie dargestellt, durchtränkt vom Bewusstsein ihrer Vergeblichkeit und durchdrungen von den kulturellen Symbolen der Ostberliner Szene: Heiner Müllers Theater, Brechts Werke, die Cafés und Restaurants wie das Weinrestaurant Ganymed. Der Roman dient Erpenbeck als radikale Selbstvergewisserung ihrer eigenen DDR-Erfahrung und dokumentiert eine Kulturatmosphäre, die dem Westen nach 1989 zunehmend fremder wurde – nicht als Schlüsselroman, sondern als subjektive Zeugnisablegung über eine untergegangene Welt.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:29:30 „Der Kritiker Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung war schon der Kritischste, fand ich sehr interessant. Er hat nämlich mehr oder weniger geschrieben, was ich interessant fand, dass ein Bild, eine Stimmungslage der DDR selbst, dadurch, dass hier so ein Sondermilieu beschrieben wird, einfach nicht aufgefangen wird.“
Adam Soboczynski zitiert die Kritik von Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung als die pointierteste unter den Rezensionen zu Erpenbecks Kairos. Böttigers Einwand: Durch die Fokussierung auf das DDR-Intellektuellenmilieu werde die tatsächliche Stimmungslage der DDR-Bevölkerung nicht eingefangen.
Der geteilte Himmel
Christa Wolf · 1973
Eine Auseinandersetzung mit den Jahren der deutschen Teilung. Ende August 1961: In einem kleinen Krankenhauszimmer erwacht Rita Seidel aus ihrer Ohnmacht. Und mit dem Erwachen wird auch die Vergangenheit wieder lebendig. Da ist die Erinnerung an den Betriebsunfall und vor allem die Erinnerung an Manfred Herrfurth. Zwei Jahre sind vergangen, seit sie dem Chemiker in die Stadt folgte, um an seiner Seite und mit ihm gemeinsam ein glückliches Leben zu beginnen.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:30:15 „Mir kam das, ich musste wirklich manchmal denken an diesen frühen Roman von Christa Wolf, Der geteilte Himmel, wo es dann doch auch ständig diesen Ost-West-Vergleich gibt und wo auch dann die Heldin sich entscheidet, ihrer Liebe, die in den Westen geht, nicht zu folgen.“
Iris Radisch zieht eine Parallele zwischen dem besprochenen Erpenbeck-Roman und Christa Wolfs frühem Roman. Beide Werke teilen den Ost-West-Vergleich und eine Protagonistin, die sich gegen den Westen entscheidet. Radisch sieht darin ein wiederkehrendes Muster der DDR-Literatur: das Zugeständnis, dass das Ideal nicht verwirklicht war, verbunden mit dem Appell, trotzdem zu bleiben.
Für unser Land
"Für unser Land" ist der historische Aufruf von DDR-Intellektuellen aus November 1989, der einen eigenständigen dritten Weg für die DDR forderte, statt sich der Bundesrepublik anzuschließen. Der Appell spiegelt die Hoffnung einer Gruppe von Künstlern und Denkern wider, den Zusammenbruch des SED-Staates zu überwinden, ohne die eigene Identität aufzugeben. Letztendlich blieb dieser Traum unerfüllt: Der dritte Weg wurde nie gefunden, stattdessen folgte die "Abwicklung" und Wiedervereinigung unter westdeutschen Bedingungen.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:30:38 „In der Wende, als dann so die Rede für unser Land, es wird schon zugestanden, dass das Ideal nicht ganz verwirklicht war, aber es muss doch möglich sein. Bleibt in unserem Land also dieser Aufruf zu bleiben, lasst uns einen dritten Weg finden.“
Iris Radisch erwähnt den berühmten Aufruf 'Für unser Land' vom November 1989, der von DDR-Intellektuellen unterzeichnet wurde und für einen eigenständigen dritten Weg der DDR warb. Sie sieht im Erpenbeck-Roman genau diese Haltung gespiegelt: die Trauer darüber, dass dieser dritte Weg nie gefunden wurde und stattdessen alles 'abgewickelt' wurde.
Das Boot
Wolfgang Petersen · 1981
Der Kriegsberichterstatter Werner geht 1941 an Bord von U-96, das den Auftrag hat englische Transportschiffe zu versenken. Werner soll der Heimatfront von den Heldentaten des Kapitäns und seiner Mannschaft berichten. Doch schnell wird der Jäger zum Gejagten und der Atlantik entpuppt sich bald als nasskalte Hölle für die Besatzung. Ein Albtraum aus Klaustrophobie und Todesangst beginnt.
🗣 Adam Soboczynski erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:32:35 „Entweder sind es Romane über die Nazizeit oder über... Filme, natürlich wie das Boot, spielte eine irrsinnige Rolle. Oder, und das kam ja dann später auch diese Welle, oder es ist die Diktatur des Ostens.“
Adam Soboczynski erklärt, warum deutsche Literatur und Filme im Ausland so erfolgreich sind: Deutschland werde vor allem historisch und politisch rezipiert. Das Boot nennt er als Paradebeispiel für die internationale Faszination mit der deutschen Nazi-Vergangenheit, neben der späteren Welle von DDR-Stoffen.
Das Leben der Anderen
Florian Henckel von Donnersmarck · 2006
Ost-Berlin, November 1984. Fünf Jahre vor seinem Ende sichert der DDR-Staat seinen Machtanspruch mit einem erbarmungslosen System aus Kontrolle und Überwachung. Als Oberstleutnant Anton Grubitz den linientreuen Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler auf den erfolgreichen Dramatiker Georg Dreyman und seine Lebensgefährtin, den Theaterstar Christa-Maria Sieland, ansetzt, verspricht er sich davon einen Karriereschub. Immerhin stehen höchste politische Kreise hinter dem „operativen Vorgang“.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:32:39 „Oder es ist die Diktatur des Ostens und die wird natürlich auch ausgefaltet und wird dann international auf einmal interessant, wie das Leben der anderen beispielsweise. Deutschland ist einfach das Land der totalitären Regime.“
Im Gespräch darüber, warum Erpenbecks Roman international so erfolgreich ist, nennt Soboczynski 'Das Leben der Anderen' als Beispiel für die zweite große Welle deutscher Stoffe im Ausland: nach den Nazi-Filmen kam das Interesse an der DDR-Diktatur. Er sieht Erpenbecks Erfolg in dieser Tradition.
Das Eiserne Kreuz
Heiner Müller · 2002
Das Eiserne Kreuz ist eine Kurzgeschichte von Heiner Müller. Sie wurde im Jahre 1956 veröffentlicht. Es wird die Situation beschrieben, in der ein nationalsozialistisch gesinnter Familienvater aus Stargard in Mecklenburg nach der Selbsttötung Hitlers im April 1945 beschließt, sich und seine Familie umzubringen, ein in den letzten Kriegstagen häufiges Phänomen, dem z. B. allein in Stargard 120 Menschen zum Opfer fielen.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:35:59 „Und in dem Fall war es Heiner Müller und hat mich an einen Text erinnert, den ich kurioserweise, wahrscheinlich auch eher selten, in der Schule bekam, eine Kurzgeschichte zu lesen bekam. Wirklich kurz gedruckt, so etwa zwei Seiten. Das Eiserne Kreuz von 1956, also ein frühes Werk.“
Als Klassiker der Sendung stellt Adam Soboczynski Heiner Müllers Kurzgeschichte 'Das Eiserne Kreuz' von 1956 vor, die er über die Erpenbeck-Diskussion und deren Bezüge zu Müller wiedergefunden hat. Die Geschichte handelt von einem Familienvater, der im April 1945 Frau und Tochter erschießt, sich selbst aber nicht umbringt – und so von seiner Vergangenheit befreit in den Westen untertaucht. Beide Kritiker analysieren die Geschichte ausführlich als paradigmatisch für die Nachkriegszeit.