Ist Pop heute rechts
Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Historische Premiere bei der sogenannten Gegenwart: Zum ersten Mal überhaupt ist ein Gast im Podcast, und zwar der Pop-Theoretiker Dietrich Diederichsen — ausgerechnet dann, wenn es um die Frage geht, ob Pop heute rechts ist. Im Gegenwartscheck geht es zunächst um Tesla und das Ende der automobilen Individualisierung durch Lackierung.
„Ja, ich freue mich ja, wenn mal ein bisschen weniger Seele dabei ist. Muss nicht immer Seele sein.“
Erwähnte Medien (24)
The Companion Species Manifesto
Donna Haraway
"The Companion Species Manifesto is about the implosion of nature and culture in the joint lives of dogs and people, who are bonded in 'significant otherness.' In all their historical complexity, Donna Haraway tells us, dogs matter. They are not just surrogates for theory, she says they are not here just to think with. Neither are they just an alibi for other themes dogs are fleshly material-semiotic presences in the body of technoscience. They are here to live with.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:09:35 „Donna Haraway-mäßig so, wie nennt sie das, Making Kin ist das eine Wort, aber sie hat noch ein anderes Wort für diese Beziehung zwischen Mensch und Tier, diese Spezies-Freundschaft.“
Im Kontext der Diskussion über den Werbebegriff 'Body Ally' verweist Diederichsen auf Donna Haraways Konzept der Spezies-Freundschaft (Companion Species), das neben 'Making Kin' ein weiteres Konzept für Beziehungen zwischen Menschen und nicht-menschlichen Wesen beschreibt.
Ally McBeal
· 1997
Ally McBeal ist eine junge Anwältin, die in der Bostoner Anwaltskanzlei Cage and Fish arbeitet. Allys Leben und Lieben sind exzentrisch, humorvoll, dramatisch und mit einer unglaublich überaktiven Fantasie.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:10:46 „Ally McBeal.“
Diederichsen wirft den Serientitel 'Ally McBeal' als kurze Assoziation in die Diskussion über den Begriff 'Ally' ein, der gerade von der Werbeindustrie vereinnahmt wird. Es ist eine beiläufige, humorvolle Referenz ohne inhaltliche Vertiefung.
Transformer
Lou Reed
Transformer ist das zweite Soloalbum des US-amerikanischen Musikers und Songautors Lou Reed. Das Album erschien am 8. Dezember des Jahres 1972 von Label RCA Records und wurde von Mick Ronson und David Bowie produziert. Album Titelliste Alle Songs wurden von Lou Reed geschrieben. Seite 1 Vicious – 2:58 Andy’s Chest – 3:20 Perfect Day – 3:46 Hangin’ ’Round – 3:35 Walk on the Wild Side – 4:15 Seite 2 Make Up – 3:00 Satellite of Love – 3:42 Wagon Wheel – 3:19 New York Telephone Conversation – 1:33 I’m So Free – 3:09 Goodnight Ladies – 4:21 Reissues (Lou Reed
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:16:12 „Das ist sogar ein Erlebnis, über das ich oft geschrieben habe, dass die frischen, langen Haare, nachdem Transformer von Lorit rauskam, abgeschnitten werden mussten 1972.“
Diederichsen erzählt im Kontext des Gesprächs über seine wechselnden Frisuren eine persönliche Anekdote: Als Lou Reeds Album 'Transformer' 1972 erschien, musste er seine langen Haare abschneiden – ein biografisches Erlebnis, das die Verbindung von Popkultur und persönlicher Identität illustriert.
Sounds
Sounds war ein einflussreiches deutsches Popmusik-Magazin, das ab den 1980er Jahren Musikjournalismus und Kulturkritik prägte. Die Publikation war Karrierestation für bedeutende Musikjournalisten wie Diederichsen, der hier frühe Arbeiten publizierte, bevor er zur Spex wechselte. Das Magazin zeichnete sich durch tiefgründige Analysen der Popkultur aus und prägte Generationen von Musikliebhabern im deutschsprachigen Raum.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:18:08 „Sie haben schon über der legendären Popmusik-Zeitschrift Sounds geschrieben, seit den 80ern bei Spex.“
Lars Weisbrod erwähnt die Popmusik-Zeitschrift Sounds als Station in Diederichsens Karriere. Sounds war ein einflussreiches deutsches Musikmagazin, für das Diederichsen früh schrieb, bevor er zur Spex wechselte.
Das 21. Jahrhundert
Diedrich Diederichsen · 2024
Kaum war das 21. Jahrhundert angebrochen, wartete es auch schon mit neuen Schrecken, Idiotien und gelegentlichen Glücksmomenten auf. Zu den wenigen, die es noch wagen, in diesem von den Medien verdickten und beschleunigten Wirrwarr Zusammenhänge herzustellen und dabei an einem anspruchsvollen Begriff von Kritik festzuhalten, gehört Diedrich Diederichsen.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:18:58 „Und das alles kann man nachlesen in einem wirklich wahnsinnig interessanten Buch, das gerade erschienen ist bei Keaton Hoyer & Witsch. Es heißt Das 21. Jahrhundert. Es ist sehr dick. Es hat über 1000 Seiten. Und es versammelt Essaystexte, Feuilletons, die sie seit 2000 geschrieben haben und von denen sie einige ausgewählt haben für dieses Buch.“
Lars Weisbrod stellt den Gast Diedrich Diederichsen vor und verweist auf dessen neues Buch als Sammlung von Essays und Feuilletontexten aus über zwei Jahrzehnten. Das Buch bildet den inhaltlichen Anlass für das gesamte Gespräch und wird im weiteren Verlauf immer wieder als Referenzpunkt herangezogen.
Twentieth Century
Howard Hawks · 1934
Der temperamentvolle Theaterimpressario Oscar Jaffe glaubt, in dem Unterwäschemodell Mildred Plotka einen neuen Star entdeckt zu haben, und gibt ihr den Künstlernamen Lily Garland. Niemand sonst glaubt an das Talent von Lily, doch mit harten Methoden macht Oscar aus ihr einen Star.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:29:39 „Und das ist von Howard Hawks, ein Film, der heißt The 20th Century. Wann entstanden? 1934 oder 1933. Der Film handelt von einem Schnellzug, der zwischen New York und Los Angeles verkehrt“
Diederichsen erzählt, dass dieser Film das Vorbild für den Titel seines Buches war. Er sah ihn auf der Berlinale
Running Up That Hill
Kate Bush
Running Up That Hill (auch bekannt als Running Up That Hill (A Deal with God)) ist ein Lied der britischen Sängerin Kate Bush. Es wurde am 5. August 1985 vorab als erste Single aus ihrem Album Hounds of Love veröffentlicht. Durch seine Verwendung in der Netflix-Serie Stranger Things erreichte das Lied 2022 neue Bekanntheit und übertraf in vielen Ländern die Chartplatzierungen von 1985.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:35:27 „Es gibt bei Stranger Things in der letzten Staffel gab es diesen Song Running Up That Hill, jetzt ist mir gerade die Künstlerin peinlicherweise... Kate Bush. der zum ersten Mal durch diese Serie auf Platz 1 ging“
Weisbrod nutzt den Song als Beispiel dafür, wie kulturelle Werke immer wieder vorgeholt werden und erst später ihre volle Wirkung entfalten
Stranger Things
Matt Duffer, Ross Duffer / Netflix · 2025
Nach dem Verschwinden eines Jungen treten in einer Kleinstadt geheime Regierungsexperimente, übernatürliche Kräfte und ein merkwürdiges kleines Mädchen zutage.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:35:29 „Es gibt bei Stranger Things in der letzten Staffel gab es diesen Song Running Up That Hill, jetzt ist mir gerade die Künstlerin peinlicherweise ver- Kate Bush. Der zum ersten Mal durch diese Serie auf Platz 1 ging.“
Lars Weisbrod erwähnt Stranger Things als Beispiel für eine Serie, die ältere Popkultur wiederbelebt. Nina Pauer greift das auf und beschreibt die Serie als 'Retromaschine', die alles aus den 80er Jahren unter einen Retro-Bann setzt und dabei die individuellen Qualitäten der wiederentdeckten Werke nivelliert.
Nadelspuren
Theodor W. Adorno · 1980
Adornos Aufsatz argumentiert, dass Musik-Recordings nicht primär als Klangkonstruktion, sondern als visuelle und emotionale Aufzeichnungen wahrgenommen werden. Sie prägen sich wie Fotoalben in die persönliche Erinnerung ein und ermöglichen eine andere Wiederbegegnung als das Wiederlesen von Texten.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:36:39 „Und wie man von dem schönen Aufsatz 'Nadelspuren' von Adorno weiß, wenn man Recordings hört, dann schaut man in ein Fotoalbum seiner eigenen Erfahrung. Man hört da nicht die klangliche Seite zunächst als erstes oder das Konstruktive des Klanglichen, sondern man hört eben das Recording.“
Nina Pauer zitiert Adornos Aufsatz, um zu erklären, warum das Wiederhören von Popmusik eine besondere psychophysische Erfahrung ist. Recordings seien Aufzeichnungen eines Körpers in einem Raum, die sich in die eigene Erinnerung einbetten – im Gegensatz zum Wiederlesen eines Buches, das eine andere Art der Wiederbegegnung darstelle.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe · 2018
Goethes »Faust. Der Tragödie erster Teil« mit 200 Wort- und Sacherklärungen für ein besseres Textverständnis Goethes »Faust« ist schlichtweg das Menschheitsdrama. Es ist das Drama des nach Erkenntnis strebenden Menschen, der an seine eigenen Grenzen stößt. In seinem Existenzhunger überschreitet Faust diese Grenze und geht einen Pakt mit dem Teufel ein. Goethes Faust-Dichtung ist eines der wort- und motivgewaltigsten Dramen der deutschen Literatur.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:37:00 „Und wenn man dann das wiederhört, dann hat dieses Wiederhören eine ganz andere Bedeutung, als wenn ich erneut wiederhören. Den Faust lese oder Werther lese, wo ich dann denke, ja, wie konnte ich denn diese schwachsinnige Geschichte mal interessant finden.“
Nina Pauer kontrastiert das Wiederhören von Popmusik mit dem Wiederlesen literarischer Klassiker. Beim Wiederlesen von Faust oder Werther könne sich die eigene Bewertung fundamental ändern, während beim Wiederhören eines Songs die psychophysische Erinnerung dominiert.
Bette Davis Eyes
Kim Carnes
Bette Davis Eyes ist ein Popsong von Jackie DeShannon und Donna Weiss, der in der Version von Kim Carnes weltweit bekannt wurde. Letztere Version wurde im März 1981 als Single veröffentlicht und in über 30 Ländern, darunter USA, Deutschland und der Schweiz ein Nummer-eins-Hit. Das Stück wurde auch auf Carnes’ Album Mistaken Identity veröffentlicht.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:39:18 „Und das nivelliert eigentlich das wieder raus. Also wenn man das über Stranger Things kennenlernt, kann ich mir auch wieder vorstellen, wird es so in so eine 80er-Jahre-Märchenwelt rückdelegiert, in der es egal ist, ob Steve Peschmuth oder Betty Davis Eyes oder eben Kate Bush.“
Nina Pauer argumentiert, dass Stranger Things einzelne Songs der 80er in eine generische Retro-Märchenwelt nivelliert, in der die individuellen Qualitäten verloren gehen. Bette Davis Eyes wird als Beispiel für einen Song genannt, der in dieser Nivellierung mit Kate Bush gleichgestellt wird.
The Hill We Climb
Amanda Gorman · 2021
Mit einem Vorwort von Oprah Winfrey Mit dem Gedicht »The Hill We Climb – Den Hügel hinauf«, das Amanda Gorman am 20. Januar 2021 bei der Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Joe Biden, vortrug, schenkte eine junge Lyrikerin den Menschen auf der ganzen Welt eine einzigartige Botschaft der Hoffnung und Zuversicht. Am 20.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:42:29 „Die Frau, die das Gedicht für Joe Biden vorgetragen hat. Amanda Gorman. Genau, Amanda Gorman dürfe nicht von einer weißen Niederländerin übersetzt werden.“
Nina Pauer bringt die Übersetzungskontroverse um Amanda Gormans Inaugurationsgedicht als typisches Beispiel für identitätspolitische Debatten, die von Kritikern vereinfacht dargestellt werden. Sie argumentiert, dass die ursprüngliche Kritik nicht nur auf Hautfarbe abzielte, sondern auch auf die fehlende Nähe zur Slam-Poetry-Kultur.
Combahee River Collective Statement
Combahee River Collective · 1986
Das Combahee River Collective war eine US-amerikanische Gruppe, die vom Standpunkt schwarzer lesbischer Feministinnen den Diskurs um Mehrfachunterdrückung mitprägte. Sie wurde 1974 in Boston gegründet und löste sich 1980 auf. Bedeutung für heutige soziale Bewegungen hat das Kollektiv vor allem wegen des noch heute viel gelesenen und diskutierten Combahee River Collective Statement von 1977, das unter anderem den Begriff Identitätspolitik in die politische Debatte einführte.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:46:17 „Der Begriff selber kommt ja berühmterweise, jetzt helfen Sie mir kurz vom... Ja, ich weiß schon, das indigenes amerikanisches Wort River Committee.“
Im Gespräch über die Herkunft des Begriffs Identitätspolitik versuchen Lars Weisbrod und Diedrich Diederichsen, das Combahee River Collective zu benennen, das 1977 mit seinem Statement als Geburtsstunde der Intersektionalität gilt. Diederichsen korrigiert, dass es dabei gerade um das Zusammenkommen verschiedener Identitäten ging, nicht um deren Trennung.
Spex – Musik zur Zeit
Electronic Body Music, kurz EBM, zeitweise unter dem Silbenkurzwort Aggrepo (aggressiv – positiv) bekannt, ist ein Anfang der 1980er-Jahre entstandener Musikstil, der durch repetitive Sequenzerläufe, tanzbetonte Rhythmen sowie zumeist klare parolenähnliche Shouts (d. h. Rufgesang) gekennzeichnet ist. Er gilt als zufallsbedingte Verschmelzung britischer Industrial- und kontinentaleuropäischer Minimal-Electro-Musik und nahm bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung nachfolgender Musikrichtungen wie...
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:55:12 „Specs, Musik zur Zeit“
Diederichsen verweist auf die Berichterstattung in der Spex über die Rostock-Lichtenhagen-Angriffe und deren popkulturelle Lesart
Die Transgression der Transgression
Roland Barthes
Akademischer Essay, der sich mit Roland Barthes' Konzept der Transgression auseinandersetzt. Barthes argumentiert, dass Transgression nicht selbst ein Ziel ist, sondern eine komplexere reflexive Bewegung (Transgression der Transgression), die zur Liebe an einem anderen Ort führt. Der Text behandelt diese Idee anhand von Góngoras Poesie und Konzepten von Nonsens, um gegen die vereinfachte Sichtweise anzuschreiben, dass Subversion automatisch erstrebenswert sei.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:59:44 „mein Lieblingszitat ist hier Roland Barthes 1950... 80, die Transgression der Transgression, die Liebe an einem anderen Ort“
Diederichsen zitiert Barthes zum Thema Transgression als Gegenstimme zur Idee, Subversion sei per se ein Ziel
Die Transgression der Transgression, die Liebe an einem anderen Ort
Roland Barthes · 1988
Roland Barthes erörtert in diesem Text von 1980 das Konzept der Transgression und ihre kritischen Grenzen. Sein Argument richtet sich gegen eine unkritische Verklärung von Regelbruch als automatische Befreiung. Stattdessen betont Barthes, dass auch Transgression selbst überwunden werden muss, um nicht zu einer neuen Normativität zu erstarren.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 01:00:17 „Also mein Lieblingszitat ist hier Roland Barthes 1980, die Transgression der Transgression, die Liebe an einem anderen Ort.“
In der Diskussion über Subversion und Normativität wird gefragt, ob Pauer nicht ohne den Begriff der Transgression auskommen könne. Sie antwortet, dass Transgression nicht per se gut sei, und zitiert Roland Barthes von 1980 als ihr Lieblingszitat zu diesem Thema. Das genaue Werk ist nicht eindeutig benannt, es könnte aus Barthes' späten Schriften oder Vorlesungen stammen.
Jungle World
Die Jungle World, herausgegeben in Berlin, ist eine politisch linke Wochenzeitung, die in Deutschland und Österreich vertrieben wird.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:04:36 „Stimmt, aus der Jungle World. Die ist von Ivo Bosic, ja.“
Pauer zitiert eine Links-Rechts-Unterscheidung, und Weisbrod ordnet sie einem Text von Ivo Bošić in der Jungle World zu. Die genaue Ausgabe oder der Artikeltitel wird nicht genannt, aber es handelt sich um einen konkreten Text, auf den im Gespräch Bezug genommen wird.
Manieren
Asfa-Wossén Asserate
Ein Sachbuch über Manieren und Etikette, das in der deutschen Debatte über Bürgertum und kulturelle Distinktion der 2000er Jahre zentral war. Asserate reflektiert gesellschaftliche Verhaltenskodizes als Ausdruck von Geschmack und sozialem Status — und diente Lesern wie ein Werkzeugkasten zur Reflexion der eigenen Position in kulturellen Hierarchien.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:07:05 „Zum Beispiel die große, das entführen Sie ganz glänzend aus, die große Bürgerlichkeitsdebatte in den Nullerjahren mit dem sensationellen Buch des Prinzen Asperwossen Asserate, Manieren. Ja, wie geliebt habe ich dieses Buch. Und das war für mich tatsächlich, da habe ich mich auch, wie soll man sagen, wie in einem Instrumentenkasten bedient, um meine eigenen Distinktionsgewinne auszuschlachten.“
Mangold rekapituliert seine eigene intellektuelle Biografie beim Lesen von Diedrich Diederichsens Buch und erinnert sich an die Bürgerlichkeitsdebatte der Nullerjahre. Er beschreibt Asserates 'Manieren' als ein Buch, das er geliebt und als Werkzeug für eigene Distinktionsgewinne genutzt hat — und erkennt sich darin selbstkritisch als jene neotraditionalistische Figur wieder, die Diederichsen beschreibt.
Die selbstbewusste Nation
"Die selbstbewusste Nation" ist ein einflussreicher Sammelband aus den 1990er Jahren, der den deutschen Nationsbegriff neu zu definieren versuchte. Das Werk wurde von linken Intellektuellen kritisch bewertet, da es als Versuch interpretiert wurde, eine Neubewertung nationaler Identität vorzunehmen. Der Band dokumentiert einen wichtigen Moment der politisch-philosophischen Debatte nach dem Kalten Krieg und der deutschen Wiedervereinigung.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:09:10 „Oder in den 90er Jahren die Selbstbewusste Nation, jenes berühmte Buch, das versucht hat, nochmal den Nationsbegriff neu zu denken.“
Mangold zählt historische Stationen auf, an denen linkes Denken ein Wiedererstarken rechter oder neofaschistischer Kräfte diagnostiziert hat. Er nennt den Sammelband 'Die selbstbewusste Nation' als eines der Beispiele der 90er Jahre, das den Nationsbegriff neu zu fassen versuchte und von links als Bedrohung wahrgenommen wurde.
Anschwellender Bocksgesang
Botho Strauß
Botho Strauß' Essaysammlung mit dem berühmten Titeltext aus dem Spiegel von 1993, der eine der intensivsten intellektuellen Debatten jener Dekade auslöste. Der provokative Essay wird oft als Beleg für die Rückkehr neotraditionalistische Tendenzen in Deutschland der 90er Jahre herangezogen und dokumentiert eine kulturpolitische Auseinandersetzung über nationale Identität und konservative Gegenbewegungen zur Linken.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:09:21 „Oder Bruder Strauß mit seinem anschwellenden Boxgesang. Oder dann eben die Neotraditionalismen mit den wilhelminischen Vornamen in den 90er Jahren.“
Im selben Kontext wie 'Die selbstbewusste Nation' nennt Mangold Botho Strauß' berühmten Essay 'Anschwellender Bocksgesang' von 1993 als weiteres Beispiel dafür, wie die Linke stets ein Wiedererstarken rechter Tendenzen diagnostiziert hat. Der Essay erschien im Spiegel und löste eine der heftigsten intellektuellen Debatten der 90er Jahre aus.
Kritik und Krise
Reinhart Koselleck
Kosellecks Klassiker zur Begriffsgeschichte analysiert die semantische und historische Entwicklung der Begriffe Kritik und Krise. Das Werk etabliert die theoretischen Grundlagen für das Verständnis, wie diese Begriffe in der modernen Diskursgeschichte verwendet und oft inflationär eingesetzt werden.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:19:10 „Ja, es ist natürlich auch lustig, wie viele Zeitschriften, Bücher seit Jahren so heißen. Krise, Krise, Kritik und Krise. Seit Reinhard Koselleck.“
Im Gespräch über die inflationäre Verwendung des Krisenbegriffs verweist Nina Pauer auf Kosellecks Klassiker als Ursprung einer langen Tradition von Krise-Titeln. Ijoma Mangold hatte zuvor argumentiert, dass der Krisenbegriff seine Unterscheidungskraft verliert, wenn er zum Dauerzustand wird – Kosellecks Werk steht hier als historischer Referenzpunkt für diese Begriffsgeschichte.
Alles was ich möchte ist ein warmes Plätzchen, von dem aus ich Menschen für eine gute Sache abknallen kann
Werner Büttner
Werner Büttner äußert sich provokativ zu einem zentralen zeitgenössischen Konflikt: dem Widerspruch zwischen persönlichem Vergnügen und ethischem Anspruch. Seine Formel verdichtet die Spannung zwischen hedonistischer Entfesselung und dem Willen, etwas Gutes zu bewirken – ein Dilemma, das viele Menschen heute umtreibt. Der Text beleuchtet, wie künstlerischer Ausdruck diesem inneren Widerspruch Stimme verleiht.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:24:41 „Früher in einer anderen Situation, in einer ganz anderen Zeit hat der Künstler Werner Büttner erstmal auf die Formel gebracht, alles was ich möchte ist ein warmes Plätzchen, von dem aus ich Menschen für eine gute Sache abknallen kann.“
Nina Pauer spricht über den Konflikt zwischen hedonistischer Entfesselung und ethischem Selbstanspruch, der viele Menschen heute umtreibt. Sie zitiert Werner Büttners provokante Formel als früheren künstlerischen Ausdruck genau dieses Widerspruchs – gleichzeitig gut und destruktiv sein zu wollen.
La condition postmoderne
Jean-François Lyotard · 2018
Many definitions of postmodernism focus on its nature as the aftermath of the modern industrial age when technology developed dynamically. In The Postmodern Condition Jean-Francois Lyotard extends that analysis to postmodernism by looking at the status uf science, technology, and the arts, the significance of technocracy, and the way the flow of information and knowledge are controlled in the Western world.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:26:25 „Also da passiert einiges, was mich interessiert, inwieweit es noch so viel Resonanz hat wie der neue Lyotard 1979, kann ich nicht beurteilen, weil ich in einem Feld lebe, wo es eine Resonanz hat, aber das ist natürlich auch nicht repräsentativ.“
Auf die Frage, ob Theorie noch das Medium sei, in dem sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt, verweist Nina Pauer auf Lyotards epochemachendes Werk von 1979 als Maßstab. Sie nutzt es als Benchmark für die Resonanz, die neue Theorieveröffentlichungen heute noch erreichen können – und räumt ein, dass ihr eigenes akademisch-künstlerisches Umfeld nicht repräsentativ sei.
The Sopranos
David Chase · 1999
Der Mafiaboss Tony Soprano aus New Jersey hat mit persönlichen und beruflichen Problemen zu kämpfen, die sich auf seine psychische Verfassung auswirken und ihn dazu bringen, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben.
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 01:29:32 „Also der alte Tony Sopranos Satz, I don't eat where I shit, dass man getrennte Bereiche braucht für unterschiedliche Sensibilitäten und für unterschiedliche körperliche Zustände usw., wird von dieser Maschine und vor allem von ihrem sozialen Gebrauch massiv unterminiert.“
Nina Pauer argumentiert, dass der Personal Computer als gleichzeitiges Arbeits- und Kulturgerät eine der zerstörerischsten Entwicklungen für die Popmusik war. Sie zitiert Tony Sopranos Satz als Metapher dafür, dass man getrennte Sphären für Arbeit und kulturellen Genuss brauche – genau diese Trennung habe der Computer aufgelöst.