Die Opferung des Isaak
Sabine Rückert & Johanna Haberer
In dieser Folge geht es um die Geburt Isaaks und den sich zuspitzenden Konflikt zwischen Sara und Hagar — ein Machtkampf zweier Frauen auf Leben und Tod. Die Schwestern staunen über die theologische Pointe der späten Mutterschaft: Erst wo alles Menschenmögliche erschöpft ist, beginnt Gottes Schöpfungswerk. Nebenbei wird Ephraim Kishon bemüht, um die Absurdität biblischer Wunder mit jüdischem Humor zu spiegeln.
„Das Menschenmögliche ist erschöpft. Jetzt ist Gott an der Reihe.“
Erwähnte Medien (9)
Vorwort über Wunder (aus einer satirischen Sammlung über die Besiedelung Israels)
Ephraim Kishon · 2004
Satire Kishons über die israelische Wahrnehmung von Wundern: Während sie anderswo Katastrophen signalisieren, sind sie in Israel alltäglich geworden. Das Werk verbindet biblische Tradition humorvoll mit der modernen israelischen Realität und Identität.
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:04:07 „Und da habe ich auch gleich einen kleinen Absatz mitgebracht von Ephraim Kishon, dem Satiriker, dem längst verstorbenen jüdischen Satiriker, der über die Besiedelung von Israel geschrieben hat. Und seine ganzen satirischen Stücke handeln ja von der Neubesiedelung Israels.“
Sabine Rückert zitiert aus einem Vorwort Ephraim Kishons, in dem er humorvoll beschreibt, dass Wunder in Israel zum alltäglichen Inventar gehören. Wenn anderswo ein Finanzminister sagt 'nur ein Wunder kann uns retten', bedeutet das Katastrophe — in Israel bedeutet es, dass das Wunder in zwei bis drei Tagen eintreten wird. Das Zitat dient als Brücke vom biblischen Wunder der Geburt Isaaks zur modernen israelischen Identität.
Decamerone (Ringparabel)
Giovanni Boccaccio · 1957
Das Dekameron (italienisch Il Decamerone, von griechisch δέκα déka „zehn“ und ἡμέρα hēméra „Tag“) mit dem Beinamen Principe Galeotto ist eine Sammlung von 100 Novellen von Giovanni Boccaccio. Die Abfassung erfolgte aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen 1349 und 1353. Der Titel Decamerone bedeutet – in Anlehnung an das Griechische – „Zehn-Tage-Werk“. Es handelt sich um ein stilbildendes Werk der Renaissance, das zum Vorbild fast aller weiteren abendländischen Novellensammlungen wurde.
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:15:01 „Die Ringparabel ist ja eine Geschichte von Pocaccio und Lessing, aus seinem Theaterstück Nathan der Weise.“
Sabine Rückert erwähnt Boccaccio als einen der Urheber der Ringparabel, die Lessing später in Nathan der Weise verarbeitete. Die ursprüngliche Fassung der Geschichte über die drei Ringe findet sich in Boccaccios Decamerone.
Nathan der Weise
Gotthold Ephraim Lessing
Lessings Drama "Nathan der Weise" enthält die Ringparabel, die zeigt, dass die drei abrahamitischen Religionen ursprünglich eins waren und gleichberechtigt nebeneinander stehen. Der Text hilft zu verstehen, dass vermeintliche Religionskonflikte künstlich sind und auf gemeinsamen Grundlagen beruhen. Für Hadija Haruna-Oelker war das Werk als Kind zentral, um ihre dual-religiöse Prägung zwischen Islam und Katholizismus nicht als Widerspruch zu erleben.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:15:11 „Ich muss vielleicht an dieser Stelle mit dir mal über die Ringparabel reden. Die Ringparabel ist ja eine Geschichte von Pocaccio und Lessing, aus seinem Theaterstück Nathan der Weise. Und die Ringparabel erzählt eigentlich von der Konkurrenz der drei Religionen und von der Versöhnung der drei Religionen.“
Im Kontext der Vertreibung Hagars und Ismaels kommen die Sprecherinnen auf die drei abrahamitischen Religionen zu sprechen. Sabine Rückert nutzt Lessings Ringparabel aus Nathan der Weise, um das Verhältnis von Judentum, Christentum und Islam zu illustrieren — alle drei haben denselben Stammvater, aber jede glaubt, den 'echten Ring' zu besitzen.
Furcht und Zittern
Søren Kierkegaard · 1950
Kierkegaards philosophisches Werk untersucht die Opferungsszene Abrahams durch psychologische Tiefenanalyse. Das Buch meditiert über das Ungesagte: die inneren Gedanken Abrahams, Sarahs und Isaaks während dieser existenziellen Prüfung. Die biblische Erzählung offenbart durch ihre Knappheit und Stille gerade dadurch ihre tiefe Wirkung auf philosophisches Denken.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:28:22 „Und schreibt in seinem Buch, das heißt Furcht und Zittern, Passagen, wo er Meditationen über Abraham schreibt. Da kann er gar nicht sich anders ausdrücken. Da hört er auf zu philosophieren und sagt, ich muss mir jetzt die Szene von den verschiedensten Seiten her vorstellen.“
Johanna Haberer zieht Kierkegaards Werk heran, um die psychologische Tiefe der Opferungsszene zu beleuchten. Kierkegaard meditiert darin über das Ungesagte: Was denkt Abraham während der drei Tage? Was denkt Sarah? Was der kleine Isaac? Die brutale Knappheit der biblischen Erzählung habe gerade durch ihr Schweigen unzählige Denker zur Vertiefung angeregt.
Die Opferung Isaaks
Rembrandt
Rembrandts Gemälde der Opferung Isaaks stellt den dramatischen Moment dar, in dem der Engel Abraham im letzten Moment aufhält und der Widder als Ersatzopfer im Hintergrund erscheint. Das Werk demonstriert Gottes Gnade und Eingreifen in einer entscheidenden biblischen Szene. Rembrandts künstlerische Darstellung hat sich über Jahrhunderte hinweg als ein zentrales Beispiel für die kunstgeschichtliche Rezeption dieser biblischen Episode erwiesen.
🗣 Johanna Haberer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:30:44 „Wie gesagt, ich weiß nicht, ob du schon mal dieses Rembrandt-Bild gesehen hast, es gibt unendliche künstlerische Darstellungen dieses Bildes, vor allem dieses Moments, wo im Hintergrund dann so ein Böcklein steht und die Szene erlöst.“
Im Kontext der Beinahe-Opferung Isaaks erwähnt Johanna Haberer Rembrandts Gemälde, das den Moment zeigt, in dem der Engel Abraham aufhält und im Hintergrund der Widder als Ersatzopfer erscheint. Sie verweist damit auf die enorme kunstgeschichtliche Wirkung dieser biblischen Szene.
Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur
Erich Auerbach · 1946
Mimesis (von altgriechisch μίμησις mímēsis, deutsch ‚Nachahmung‘) bezeichnet ursprünglich das Vermögen, mittels einer Geste eine Wirkung zu erzielen. Als Mimesis bezeichnet man in den Künsten das Prinzip der Nachahmung im Sinne der Poetik des griechischen Philosophen Aristoteles, im Unterschied zur imitatio, der kunstgerechten Nachahmung älterer, meist antiker Vorbilder.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:32:42 „Und trotzdem ist zum Beispiel diese Geschichte das Muster geworden, wo ein Literaturwissenschaftler, der heißt Erich Auerbach, versucht hat, die Kultur, in der wir leben, an zwei Geschichten deutlich zu machen. Er stellt diese Geschichte gegenüber der Geschichte, wo Odysseus von seiner langen Reise nach Hause kommt.“
Johanna Haberer verweist auf Erich Auerbachs berühmten Vergleich zweier Erzählweisen: die dunkle, karge biblische Opferungsszene Abrahams und die ausgeleuchtete, detailreiche Odysseus-Szene bei Homer. Auerbach nutzt diese Gegenüberstellung, um zwei Grundtypen abendländischer Erzählkultur herauszuarbeiten — das im Dunkeln Gelassene versus das vollständig Ausgeleuchtete.
Odyssee
Homer
Homers Epos über die zehnjährige Irrfahrt des Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Auf seiner Heimreise nach Ithaka begegnet er Kyklopen, Sirenen und anderen Gefahren. Eines der Gründungswerke der europäischen Literatur.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:32:45 „Er stellt diese Geschichte gegenüber der Geschichte, wo Odysseus von seiner langen Reise nach Hause kommt und die Magd erkennt ihn, seine Frau erkennt ihn nicht, die Freier seiner Frau erkennen ihn nicht, aber die Magd erkennt Odysseus. Die alte Amme, die erkennt ihn an einer Narbe, die er sich als Kind zugezogen hat.“
Die Odyssee wird als Gegenbeispiel zur biblischen Erzählweise herangezogen, im Rahmen von Auerbachs Vergleich. Während die Bibel vieles im Dunkeln lässt, wird bei Homer alles im Detail ausgeleuchtet — wie Odysseus sich die Narbe bei einer Wildschweinjagd zuzog, wird minutiös erzählt. Die beiden Werke stehen für zwei fundamental verschiedene Erzähltraditionen.
Spieltrieb
Juli Zeh · 2013
Die atemberaubende Geschichte einer obsessiven Abhängigkeit zwischen einer Schülerin und einem Schüler, Ada und Alev, aus der sich erst die Bereitschaft, dann der Zwang zu Taten ergibt, die alle Grenzen der Moral, des menschlichen Mitgefühls und des vorhersehbaren Verhaltens überschreiten. Die beiden jungen Menschen wählen sich ihren Lehrer Smutek als Ziel einer ausgeklügelten Erpressung. Sie beginnen ein perfides Spiel um Sex, Verführung, Macht.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:35:34 „Juli C. hat einen Roman geschrieben, der heißt Spieltrieb und der handelt von einer Gesellschaft, von einer Jugend ohne Gott, möchte man sagen. So habe ich es jedenfalls aufgefasst. Es handelt sich um Gymnasiasten, sehr intelligente Gymnasiasten, die sich in Spaß erlauben, also böse, verbrecherische Späße erlauben.“
Sabine Rückert zitiert ausführlich eine Passage aus Juli Zehs Roman 'Spieltrieb', in der das Verhältnis von Mensch und Gott mit dem von Hund und Herrchen verglichen wird. Sie sieht eine direkte Verbindung zur Opferung Isaaks – die bedingungslose Unterwerfung Abrahams unter Gottes Befehl.
Jugend ohne Gott
Ödön von Horváth · 2012
Unmittelbar nach seinem ersten Erscheinen 1937 wurde Ödön von Horváths Jugend ohne Gott in mehrere Sprachen übersetzt und machte Horváth international bekannt. Im selben Jahr wurde sie von Thomas Mann empfohlen, und Hermann Hesse schrieb über die Erzählung : »Sie ist großartig.« Es geht in ihr, so Alfred Döblin, um »eine Schule, eine mehr oder weniger verrohte Jugend, an ihr ein Lehrer, der ein Gewissen hat, sich verleugnen muß und schließlich nicht mehr kann«.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:35:44 „Es handelt sich um Gymnasiasten, sehr intelligente Gymnasiasten, die sich in Spaß erlauben, also böse, verbrecherische Späße erlauben. Und in dieser Geschichte, in diesem Roman-Spieltrieb kommt eine Passage vor, die wollte ich dir jetzt mal vorlesen.“
Sabine Rückert beschreibt Juli Zehs Roman 'Spieltrieb' als Geschichte einer 'Jugend ohne Gott' – eine deutliche Anspielung auf Ödön von Horváths gleichnamigen Roman über eine verrohte, gottlose Jugend. Die Formulierung dient als literarischer Vergleich, um die amoralischen Figuren in Zehs Roman einzuordnen.