Daniel Kehlmann, was ist eine gute Geschichte
Christoph Amend, Jochen Wegner & Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann spricht über seinen Weg zum Schriftsteller, den frühen Erfolg und das trügerische Gefühl, ausgesorgt zu haben. Dabei streift das Gespräch Themen von Nordkorea über Trump bis zum deutschen Theater — und die Frage, warum eine Broadway-Aufführung für ihn der größte Ruhm wäre, nicht etwa eine Scorsese-Verfilmung.
„Ich möchte Schriftsteller werden, heißt ja, ich habe zwar noch nichts geschrieben, aber ich bin sicher, ich kann mal Sachen schreiben, die die Leute lesen wollen. Das ist ja eigentlich was Größenwahnsinniges.“
Erwähnte Medien (30)
Ein echter Wiener geht nicht unter
· 1975
Der jähzornige und derbe Elektriker Edmund „Mundl“ Sackbauer, lebt mit seiner Familie in einem typischen Wiener Mietshaus in Favoriten. Die Serie beschäftigt sich mit Alltagssituationen wie Schulden und Geldproblemen, Renovierung, Ehekrisen, Familienstreitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten, Klassenunterschieden und zwischenmenschlichen Beziehungen.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 00:14:09 „Und es gab sehr viele Fernsehsendungen. Ein echter Wiener geht nicht unter mit Karl Merkatz, wo richtig tief, brutal regionaler Arbeiterdialekt gesprochen wurde, auch auf eine sehr lustige, kreative, poetische Art.“
Kehlmann erklärt, wie Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg kulturelle Eigenständigkeit gegenüber Deutschland aufbaute. Die Fernsehserie mit Karl Merkatz dient als Beispiel dafür, wie Dialekt bewusst als Teil der österreichischen Identitätsbildung eingesetzt wurde.
Die Wäscherin des Herrn Bonaparte (Madame Sans-Gêne)
Klassisches französisches Lustspiel über die Begegnung einer ehemaligen Wäscherin mit Napoleon während der Französischen Revolution. Das Theaterstück wurde in einer Fernsehinszenierung mit Schauspielerin Inge Meisel adaptiert. Die Live-Studio-Produktion markierte Michael Kehlmanns Regiedebüt und demonstriert die technische Meisterschaft des damaligen Fernsehtheaters.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 00:19:45 „Also jedenfalls das Erste, was er dann gemacht hat, war Madame Saint-Jean, das war die Wäscherin des Herrn Bonaparte, ein inzwischen vergessenes, damals relativ viel gespieltes Theaterstück mit Inge Meisel.“
Kehlmann erzählt von der ersten Regiearbeit seines Vaters Michael Kehlmann, einer Fernsehinszenierung des Theaterstücks mit Inge Meisel. Die Produktion wurde live im Fernsehstudio gespielt, was damals üblich war und besonderes technisches Geschick erforderte.
Hotel Sacher – Portier
Fritz Eckhardt · 1973
Die Serie zeigt das Leben von Oswald Huber, der als Chefportier im Hotel Sacher arbeitet.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 00:20:46 „Aber der in Österreich wirklich bis vor kurzem noch absolut jedem, jeder einzelnen Person bekannte Schauspieler, Fritz Eckhardt, der auch so in den 80er Jahren, auch in Deutschland sehr, sehr viel gesehene Serien, Hotel Sacha Portier. Fantastisch.“
Kehlmann erzählt von Fritz Eckhardt, einem engen Freund seines Vaters, der nicht nur als Schauspieler in dieser Serie brillierte, sondern sie auch selbst geschrieben hat. Christoph Amend ergänzt, dass die Serie für ihn als Kind der Zugang zu Österreich war.
Wenn der Vater mit dem Sohne
Fritz Eckhardt · 1955
Teddy Lemke, ein ehemaliger Musikclown, kümmert sich aufopfernd um den kleinen Ulli, der glaubt, daß Teddy sein Vater ist. Ullis Mutter ging schon vor Jahren nach Amerika. Ulli kann Teddy dazu überreden, in einer gemeinsamen Clownnummer bei einem Zirkus aufzutreten. Sie haben großen Erfolg, bis sie die Nachricht erreicht, daß Ullis Mutter mit ihrem neuen Ehemann aus Amerika angereist ist, um ihren Sohn zurückzuholen. Teddy flieht mit dem kleinen Ulli ins Ausland.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 00:21:23 „Dazu hat er die auch sehr viel gesehene Serie, Wenn der Vater mit dem Sohne, mit Peter Weck. Die hat er gespielt. Er war natürlich der Vater. Peter Weck war der Sohn. Die hat er auch geschrieben.“
Im Zusammenhang mit Fritz Eckhardt als Multitalent erwähnt Kehlmann diese weitere Serie, die Eckhardt sowohl geschrieben als auch darin mitgespielt hat. Dies unterstreicht die Vielseitigkeit des Künstlers, der Kehlmann später zum Schriftstellerberuf ermutigte.
Minister gesucht
Fritz Eckhardt
Österreichische Komödie von Fritz Eckhardt, das meistgespielte Stück der Nachkriegszeit, in dem es um die Suche nach einem Minister geht. Diese Farce war einst enorm erfolgreich im deutschsprachigen Theater, ist heute aber weitgehend vergessen.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 00:21:34 „Dazu hatte er das meistgespielte Stück der österreichischen Nachkriegszeit, eine Komödie, kennt heute auch kaum jemand noch, Minister gesucht, geschrieben.“
Kehlmann komplettiert das Bild von Fritz Eckhardt als Universalkünstler mit der Erwähnung seines meistgespielten Theaterstücks der österreichischen Nachkriegszeit. Die Komödie ist heute weitgehend vergessen, war aber einst enorm erfolgreich.
Die Reise der Verlorenen
Daniel Kehlmann
Die Reise der Verlorenen ist ein Schauspiel von Daniel Kehlmann über die St. Louis, ein Schiff mit fast tausend jüdischen Flüchtlingen während der NS-Zeit. Das Stück basiert auf einer wahren Geschichte und zeigt die verzweifelte Suche dieser Menschen nach Zuflucht, während sie von verschiedenen Ländern abgewiesen wurden. Es behandelt ein wichtiges Kapitel der Flucht und Verfolgung während des Holocausts.
🗣 Jochen Wegner zitiert daraus bei ⏱ 00:29:10 „Sie haben ja ein Jahr später, glaube ich, war das, ein Stück geschrieben, die Reise der Verlorenen. Ich habe es, muss ich gestehen, nicht gelesen, aber ich weiß, dass es das gibt. Dass die Irfa dieses Schiffs, eines Schiffs mit, ich glaube, fast tausend Menschen beschreibt, zur Zeit der Nazi-Herrschaft, also Juden, die keinen sicheren Hafen finden.“
Jochen Wegner spricht Daniel Kehlmann auf sein Theaterstück an, das die wahre Geschichte der St. Louis erzählt – eines Schiffes mit fast tausend jüdischen Flüchtlingen während der NS-Zeit. Kehlmann erklärt, dass es ein Auftragswerk des Theaters in der Josefstadt war, initiiert von dessen Direktor Herbert Föttinger, der damit auch eine Verbindung zur Familiengeschichte Kehlmanns herstellte.
Nebenan
Daniel Brühl, Daniel Kehlmann (Drehbuch) · 2021
Der erfolgreiche Schauspieler Daniel, der für ein Casting nach London fliegen soll, nutzt den Fehler seiner Agentur, die ihm das Taxi für den Weg zum Flughafen zu früh geschickt hat, um noch einen Abstecher in seine Lieblingskneipe zu unternehmen. Statt allerdings entspannt am Tresen zu sitzen, wird Daniel von seinem Nachbarn Bruno mit Kommentaren zu seinen Filmrollen überschüttet. Doch Bruno kennt mehr als nur Daniels Filme, er weiß erschreckend viel über sein Privatleben.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 00:44:44 „Und das eine ist der Film nebenan, den ich mit und für Daniel Brühl gemacht habe. Und es ist ja auch nicht so, dass mich das unfassbar viel Zeit gekostet hat, aber es ist... Es hat ein bisschen Zeit gekostet, aber ich würde sagen, in der Zeit lernen andere Leute Reiten oder machen irgendeinen Sport.“
Daniel Kehlmann verteidigt sich gegen den Vorwurf, er verzettele sich mit Filmprojekten. Er nennt den Film 'Nebenan' mit Daniel Brühl als eines von zwei filmischen Werken, die er als Hauptwerke betrachtet. Er vergleicht den Zeitaufwand für Film mit Hobbys anderer Menschen.
Kafka
Daniel Kehlmann · 2024
Miniserie zum 100. Todestag eines der faszinierendsten und bekanntesten Schriftsteller deutscher Sprache basierend auf der dreibändigen Kafka-Biografie von Reiner Stach. Kafkas Leben wird in sechs Episoden aus unterschiedlichen Perspektiven und in innovativer Bildsprache erzählt: sein schwieriges Verhältnis zum Vater, seine Freundschaft zu Max Brod, seine Liebesbeziehungen mit Felice Bauer, Milena Jesenská und Dora Dymant.
🗣 Daniel Kehlmann empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:45:07 „Also die Serie Kafka... Das sehe ich als ein Hauptwerk.“
Daniel Kehlmann nennt die Serie 'Kafka' als das zweite filmische Werk, das er als Hauptwerk betrachtet. Christoph Amend lobt die Serie als 'fantastisch' und hebt hervor, dass man das Gefühl habe, es spreche wirklich Kafka – was an den vielen Original-Zitaten liege, die Kehlmann verwendet hat.
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
Thomas Mann · 2025
Thomas Manns Hochstapler-Roman aus dem Jahr 1954 Wir alle spielen Theater. Ob auf Instagram, im Beruf oder in der Liebe: Verwandlungskunst und Selbstinszenierung gehören zum Alltag. Erst recht wenn man wie Felix Krull aus dem Elternhaus einer bankrotten Schaumweinfirma kommt, sich vor dem Militärdienst drücken will und eine Schwäche für Delikatessen und Grandhotels, für Luxus und Eleganz hat.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 00:47:03 „Ich dachte, Thomas Mann. Dieses unfertige Buch... Das war ja unfertig bei Thomas Mann. Das würde mir Spaß machen, das zu adaptieren. Ich sehe das weder als ein Hauptwerk noch als was besonders Wichtiges, was ich getan habe. Aber es hat einfach Spaß gemacht.“
Kehlmann erzählt, wie er Thomas Manns unvollendeten Roman 'Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull' für eine Verfilmung adaptierte. Er beschreibt es als spielerisches Vergnügen – ähnlich wie andere Leute einen neuen Sport lernen. Er habe sich auch die Freiheit genommen, den gesamten Portugal-Teil herauszustreichen.
Cottan ermittelt
· 1976
Major Adolf Kottan ermittelt in Wien für das dortige Sicherheitsbüro. Von seinem Naturell her eher mürrisch tritt er auch seinen Kollegen gegenüber mitunter so auf.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 01:03:02 „Mich rief dann einen damals in Österreich recht bekannten Schauspieler an, Walter David, den die gelernten Österreicher aus der schönen Serie Cotton ermittelt kennen.“
Kehlmann erzählt, wie er nach dem Totalverriss seines Debütromans einen Anruf von dem Schauspieler und Regisseur Walter David erhielt, der ihm den Rat gab: 'Gewöhn dich dran.' David war dem österreichischen Publikum aus der TV-Serie 'Cottan ermittelt' bekannt. Die Serie wird im Gespräch enthusiastisch empfohlen.
Leo Perutz (Essay/Buch)
Daniel Kehlmann · 2024
Es ist eine unglaubliche Entdeckungsreise. Daniel Kehlmann, Autor des Weltbestsellers »Die Vermessung der Welt« und des historischen Zauberromans »Tyll«, führt uns tief hinein in das Werk des unbekanntesten Großmeisters der deutschen Literatur: Leo Perutz. Voller Verehrung, Begeisterung und mit tiefer Kenntnis stellt uns Kehlmann die Bücher jenes Mannes vor, der 1882 in Prag zur Welt kam, in Wien studierte, in Kaffeehäusern schrieb und in derselben Versicherungsanstalt wie Franz Kafka sein Brot ...
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 01:08:26 „Ja, aber ich habe zum Beispiel auch gerade ein kleines Buch geschrieben über Leo Perutz, das im Herbst herauskommt. Ein ganz, für mich ganz wichtiger Erzähler der Zwischenkriegszeit, ein jüdischer Autor aus Prag, so wie Kafka.“
Im Gespräch über magischen Realismus und Kehlmanns literarische Einflüsse erwähnt er ein noch unveröffentlichtes Buch über den Schriftsteller Leo Perutz, einen jüdischen Autor aus Prag der Zwischenkriegszeit. Perutz sei für ihn ein wichtiger Einfluss gewesen, da er 'Romane, die nicht ganz in der platten Realität verbleiben' geschrieben habe.
Der Schrei
Edvard Munch
Edvard Munchs ikonisches Werk "Der Schrei" existiert in mehreren Versionen, was grundsätzliche Fragen über künstlerische Selbstwiederholung aufwirft. Die Analyse zeigt, wie Künstler ihre eigenen Motive wiederholt überarbeiten und damit die Grenze zwischen künstlerischer Weiterentwicklung und Selbstplagiat verschwimmt. Das Gemälde dient als Ausgangspunkt für eine tiefere Diskussion über Authentizität und Originalität in der Kunstgeschichte.
🗣 Jochen Wegner zitiert daraus bei ⏱ 01:12:14 „Und habe mehrere Versionen des Schreis gesehen. Und ich dachte, naja, da ist schon auch was. Also man wiederholt sich selbst.“
Wegner erzählt von einem Besuch in Oslo, wo er mehrere Versionen von Edvard Munchs 'Der Schrei' gesehen hat. Er nutzt das als Aufhänger für die Diskussion über künstlerische Selbstwiederholung und Selbstplagiate – ein Thema, das sich aus Kehlmanns Reflexion über Wolfgang Beltracchis Fälscher-These ergeben hat.
F
Daniel Kehlmann · 2013
«Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.» Mit diesem Satz fängt er an, Daniel Kehlmanns Roman über drei Brüder, die – auf je eigene Weise – Heuchler, Betrüger, Fälscher sind. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Leben, doch plötzlich klafft ein Abgrund auf.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 01:18:45 „Ich habe das dann später wirklich, weil man manchmal versucht, das Gleiche nochmal besser zu machen in meinem Roman F, habe ich wirklich dann eine versucht, Kunstbetrieb als Milieu zu schildern aus einer Position der Kenntnis und auch der Zuneigung heraus.“
Kehlmann vergleicht seinen Roman 'F' mit 'Ich und Kaminski' und erklärt, dass er im späteren Werk den Kunstbetrieb fundierter und mit mehr Zuneigung dargestellt habe – als Weiterentwicklung des satirischen Ansatzes aus dem früheren Buch.
Ich und Kaminski
Daniel Kehlmann · 2007
Kehlmann reflektiert ausführlich über seinen Debütroman „Ich und Kaminski", eine satirische Auseinandersetzung mit dem Kunstbetrieb. Der Roman besticht durch jugendliche Aggressivität und wird aus der Perspektive eines neurotischen Kulturjournalisten erzählt, durch den Kehlmann seinen Zorn auf die Kulturwelt kanalisiert. Das Buch war sein erster großer Erfolg und punktet mit einer gezielten, wenn auch etwas oberflächlichen Kritik des Kunstbetriebs. Für Kehlmann bleibt „Ich und Kaminski" ein gelungenes Werk, das ihm bis heute Freude bereitet.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 01:19:01 „Ich und Kaminski ist ein Buch, zu dem ich absolut stehe und das mich auch immer noch, wenn ich darin blättere, mit guter Laune erfüllt, weil es so eine schöne jugendliche Aggressivität hat. Aber die Darstellung des Kunstbetriebs ist sehr, soll ich sagen, sehr auf Pointe und ein bisschen oberflächlich.“
Kehlmann reflektiert ausführlich über seinen Roman 'Ich und Kaminski', der sein erster größerer Erfolg war mit über 10.000 verkauften Exemplaren. Er beschreibt das Buch als satirische Auseinandersetzung mit dem Kulturbetrieb, bei der er seinen Zorn durch Identifikation mit der Erzählerfigur – einem neurotischen Kulturjournalisten – bewältigt hat.
Beerholms Vorstellung
Daniel Kehlmann · 2000
Zum 50. Geburtstag von Daniel Kehlmann: sein Debüt »Beerholms Vorstellung ergänzt um ein Nachwort des Autors« Die Kraft der Zahlen und der Zauber der Karten, das Schleifen, Dublieren, Falschabzählen, Filieren, Palmieren – Arthur Beerholm, Zögling in einem Schweizer Internat, weiß früh um seine Begabung. Dennoch studiert er Theologie und landet erst über Umwege bei dem bewunderten Meister der Magie Jan van Rode.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 01:21:33 „Also um das ganz klar zu beantworten, Beerholm verkauft sich weiterhin gar nicht. Ich und Kaminski verkauft sich immer. Also das ist ein echter Longseller.“
Im Gespräch über Kehlmanns frühe Werke wird sein Debütroman 'Beerholms Vorstellung' erwähnt. Kehlmann stellt nüchtern fest, dass sich das Buch trotz seines späteren Ruhms durch 'Die Vermessung der Welt' weiterhin kaum verkauft – im Gegensatz zu 'Ich und Kaminski', das ein Longseller geworden ist.
Ragtime
E.L. Doctorow · 2009
In this highly symbolic and satirical novel, E. L. Doctorow addresses the insurmountable societal constrictions that entrapped lower class American citizens at the turn of the 20th century.
🗣 Daniel Kehlmann empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:24:19 „Ein bisschen von I.L. Doctorow und seinem großartigen Buch Ragtime. Aber es ist schon so, Ah, schön.“
Kehlmann erklärt die stilistischen Einflüsse auf 'Die Vermessung der Welt'. Den knappen, pseudosachlichen, ironischen Ton führt er auf zwei Quellen zurück: Voltaire und das 18. Jahrhundert einerseits, sowie E.L. Doctorows 'Ragtime' andererseits, das er als 'großartig' bezeichnet.
Das Schloss
Franz Kafka · 2024
Der Nachdruck des Textes in der «Bibliothek der Erstausgaben» folgt originalgetreu in Orthographie und Interpunktion der Erstausgabe von 1926. Die Originalpaginierung wird im fortlaufenden Text vermerkt. Der Anhang (Textgestalt, Glossar, Zeittafel, Nachwort) gibt Auskunft zu Leben und Werk.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 01:27:18 „Gaus als Landvermesser kommt in so einer Kafka-Umdrehung tatsächlich zu einem Schloss, wo man ihn abweisen will und er weiß, sich sofort durchzusetzen und wird vorgelassen. Also im Unterschied zum Kafkas Langvermesser.“
Kehlmann beschreibt eine Szene in der Vermessung der Welt als bewusste Umkehrung von Kafkas Schloss. Während Kafkas Landvermesser K. nie Zugang zum Schloss erhält, setzt sich Gauss sofort durch – eine spielerische Inversion, die Kehlmann 'Kafka-Umdrehung' nennt.
The Age of Revolution / The Age of Capital (Eric Hobsbawm)
Eric Hobsbawm · 2010
A magisterial account of the rise of capitalism Eric Hobsbawm's magnificent treatment of the crucial years 1848-1875 is a penetrating analysis of the rise of capitalism and the consolidation of bourgeois culture. In the 1860s a new word entered the economic and political vocabulary of the world: 'capitalism'. The global triumph of capitalism is the major theme of history in the decades after 1848.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 01:33:12 „Aber es wurde viel, also das wird tatsächlich mal bei Eric Hobsbawm erwähnt. Ich wollte gerade sagen, gibt es dafür Belege. Dafür gibt es einen Beleg, ja.“
Kehlmann erwähnt Eric Hobsbawm als Quelle für das historische Detail, dass die neue Lederfederung in Kutschen zwar schnelleres Vorankommen ermöglichte, aber den Passagieren übel wurde. Welches konkrete Hobsbawm-Werk gemeint ist, wird nicht benannt, es dürfte sich um eines seiner Geschichtsbände über das 19. Jahrhundert handeln.
Wo ist Carlos Montúfar?
Daniel Kehlmann · 2009
Wie geht ein Romancier mit Historie und Erfindung um? Hat der Roman als Gattung Zukunft? Welche eigenen Werke würde man auf eine einsame Insel mitnehmen? Und ist «Der Herr der Ringe» große Literatur? Mit eigenen und fremden Büchern beschäftigt sich Daniel Kehlmann in diesen Essays, mit Autoren aus Europa und Amerika, mit dem Handwerk des Schreibens und dem Abenteuer des Lesens.
🗣 Jochen Wegner zitiert daraus bei ⏱ 01:36:29 „Sie haben mal ein Essay geschrieben, der ist in einem Essay, wann ist das auch, zu erwerben noch. Wo ist Carlos Montufar? Und das habe ich mir deswegen gemerkt, weil sie darin sehr ausführlich im Einstieg beschreiben, wie sie mal Gauss' Arbeitsstätte besuchen, den Telegrafen sich anschauen.“
Wegner erwähnt einen Essay von Kehlmann, in dem dieser beschreibt, wie er bei einem Besuch an Gauss' Arbeitsstätte feststellte, dass die Telegrafenkommunikation zwischen Gauss und seinem Assistenten, wie er sie im Roman schildert, in der Realität so nie hätte funktionieren können. Der Essay dient als Beleg dafür, wie frei Kehlmann mit historischen Fakten umgeht.
Tartaros
Daniel Kehlmann / Detlef Buck / Agi Daivahu · 2011
Nach einem zerstörerischen Weltkrieg ist die Weltbevölkerung drastisch reduziert, der Planet verwüstet. Der utopische Stadtstaat Olympus scheint der einzige zivilisierte Ort in dem verbliebenen Chaos zu sein. Hier regiert die künstliche Intelligenz Gaia und genmanipulierte Bioroids verwalten die Stadt. Doch der Frieden in Olympus ist gefährdet. Im Untergrund schwelen zahlreiche politisch und rassistisch motivierte Konflikte zwischen Menschen, Bioroiden und Cyborgs.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 01:48:31 „Das ist auch ein historisches Drehbuch, also ein historischer Stoff, der heißt Tartaros. Und handelt, hätte gehandelt, oder handelt, wir haben es ja fertig gemacht, von dem ersten Botschafter, den der Vatikan im Mittelalter in die Mongolei geschickt hat.“
Kehlmann erzählt von einem nie verfilmten Drehbuch namens Tartaros, das er zusammen mit Detlev Buck und dem mongolischen Szenenbildner Agi Daivahu geschrieben hat. Es handelt vom ersten vatikanischen Botschafter in der Mongolei – ein Beispiel eines missglückten Kulturaustausches und die einzige Quelle über die Stadt Karakorum.
Das bin doch ich
Thomas Glavinic · 2017
Ein Mann schreibt einen Roman. Der Mann heißt Thomas Glavinic und er will das, was alle wollen: Erfolg. Er will einen Verlag, einen Preis, Geld. Was er hat, ist ein Manuskript, eine Literaturagentin, Kopfschmerzen und leider zumeist unerträgliche Mitmenschen. Mit aberwitziger Komik spielt Thomas Glavinic ein Spiel mit der Wirklichkeit und ihrer Verdopplung. »So ein Buch gehört sich eigentlich nicht. Ein Roman über den Literaturbetrieb, der sich und seine Leser in den lakonischen Irrwitz treibt.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 02:00:53 „Es gibt ein schönes Buch von Thomas Glavinitsch, das bin doch ich, wo er immer wieder schildert unsere Gespräche und meine SMS während dieses Jahres. Das ist auch sehr lustig. Ist ein Roman.“
Kehlmann erwähnt Thomas Glavinics Roman im Zusammenhang mit der surrealen Phase des Vermessung-Erfolgs. Glavinic hat in seinem Roman die gemeinsamen Gespräche und SMS während des Erfolgsjahres verarbeitet – mit fiktionaler Freiheit, aber vieles davon stimme auch, so Kehlmann.
Porträt über Daniel Kehlmann
Adam Soboczynski
Das Buch „Leo Richters Porträt" von Daniel Kehlmann und Adam Soboczynski präsentiert eine Erzählung über den bekannten Autor Leo Richter, dem eine renommierte Zeitschrift einen längeren Porträttext in Auftrag gibt. Diese Anfrage führt zu einer sowohl amüsanten als auch quälenden Serie von Ereignissen. Das Werk wird durch ein eigenständiges Porträt Daniel Kehlmanns ergänzt, verfasst von Adam Soboczynski, einem führenden Kulturjournalisten der gegenwärtigen Generation. Der Roman kostet 8 Euro und ist beim Rowohlt Verlag erschienen.
🗣 Christoph Amend zitiert daraus bei ⏱ 02:04:48 „Und er schildert in seinem dann viel später erschienenen Porträt auch die ersten Kontaktaufnahmeversuche. Wie haben Sie diese Kontaktaufnahme damals erlebt?“
Christoph Amend erzählt, wie der Zeitmagazin-Journalist Adam Soboczynski Kehlmann während des Vermessung-Erfolgs mehrfach traf und porträtierte. Das Porträt wurde als literarisch anspruchsvolles Stück beschrieben, das Motive aus Kehlmanns Werk aufgreift. Es erschien im Zeitmagazin zusammen mit einer Kurzgeschichte Kehlmanns über einen Reporter.
Kurzgeschichte über den Reporter (Leo Richter)
Daniel Kehlmann · 2010
Bei dem bekannten Autor Leo Richter meldet sich eine renommierte Zeitschrift: Man wolle einen längeren Text über ihn in Auftrag geben, ob ihm das recht sei. Geschmeichelt sagt Richter zu: Beginn einer so fürchterlichen wie amüsanten Leidensgeschichte. Ergänzt wird sie durch ein Porträt des Autors Daniel Kehlmann, verfasst von Adam Soboczynski, einem der glänzendsten Kulturjournalisten der jüngeren Generation.
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:07:15 „Und dann haben Sie angefangen, das Zeitmagazin ist eben damals erschienen mit dem Porträt über Sie und mit Ihrer Kurzgeschichte über den Reporter, der ein Porträt über Sie schreibt.“
Kehlmann schrieb eine Kurzgeschichte mit seiner Figur Leo Richter aus 'Ruhm', in der ein Journalist einen Schriftsteller porträtiert – als Gegenstück zu Soboczyskis realem Porträt über ihn. Beide Texte erschienen gemeinsam im Zeitmagazin und später als kleines Buch bei Rowohlt.
Das Literarische Quartett
Marcel Reich-Ranicki
Das Literarische Quartett ist eine deutsche Talkshow, in der Moderatoren und Gäste über aktuelle Bücher diskutieren und literarische Themen debattieren. Die Sendung wird von Thea Dorn moderiert und gilt als renommiertes Forum für kulturelle Debatten. Im Podcast wird die Show humorvoll als Beispiel für die Integration unerwarteter Personen in die Literaturszene erwähnt, was den absurden Gedanken eines Auftritts von Arafat Abou-Chaker dort verdeutlicht.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 02:14:40 „Die ganze deutsche Literatenwelt in einem ständigen panischen Stockholm-Syndrom lebte gegenüber Marcel Reich-Ranitzky und dem literarischen Quartett. Die ständige Angst vor Reich-Ranitzky.“
Kehlmann beschreibt die enorme Machtfülle, die Marcel Reich-Ranicki und seine TV-Sendung 'Das literarische Quartett' über den deutschen Literaturbetrieb hatten. Autoren wie Martin Walser und die gesamte Literatenwelt hätten in einem 'panischen Stockholm-Syndrom' gelebt. Kehlmann begrüßt, dass diese Art zentralisierter Kritikermacht heute demokratisiert ist.
Durcheinandertal
Friedrich Dürrenmatt · 2021
Durcheinandertal ist ein Roman des Schweizer Autors Friedrich Dürrenmatt. Er erschien im Jahr 1989 und ist der letzte abgeschlossene Roman des Schriftstellers. Das Werk setzt sich mit theologischen und gesellschaftlichen Fragen kritisch auseinander, tut dies jedoch ohne „erhobenen Zeigefinger“, sondern vielmehr mit Ironie und Sarkasmus. Durch groteskes Überzeichnen konfrontiert Dürrenmatt in dieser Burleske den Leser immer wieder mit den Abgründen menschlicher Existenz.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 02:23:17 „Die Diskussion über Dürrenmatt-Durcheinander-Tal. Das war ein Roman, den Dürrenmatt geschrieben hat. Der war wahrscheinlich nicht sehr gut. Die ganze Idee, dass das so niveauvolle Diskussionen waren, wird da aus dem Fenster geblasen. Es schreit da reichlich.“
Kehlmann erzählt von einer Folge des Literarischen Quartetts, in der Dürrenmatts Roman besprochen wurde. Er nutzt das Beispiel, um zu zeigen, dass die Kritiker dort nicht niveauvoller diskutierten als heutige BookTok-Influencer – es wurde geschrien und gelästert.
Panic Room
David Koepp · 2002
Meg Altman ist geschieden und hat die Tochter mitgenommen und sucht nun eine Wohnung. Der Ex ist ein reicher, industrieller Pharmazeutiker, deshalb soll etwas Teures her. Ihnen wird das Gebäude eines verstorbenen Millionärs angeboten. Das Besondere ist der Panikraum – wenn er verschlossen ist, ist er nur von den Personen im Inneren zu öffnen, nicht von außen. Kurzfristig nimmt Meg an und zieht noch am gleichen Tag ein.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 02:35:00 „Der Jurassic Park, Panic Room, Mission Impossible, also den ersten.“
Kehlmann zählt die bekanntesten Drehbücher von David Koepp auf, um dessen Arbeitsweise zu charakterisieren: Koepp funktioniert perfekt innerhalb der Hollywood-Konventionen und ist damit auch zufrieden – im Gegensatz zu Kehlmann selbst, der immer experimentieren muss.
Memoiren
Hans Sahl · 2009
Hans Sahls berühmte Erinnerungsbücher in einer Neu-Edition. Hier erzählt Sahl, einer der großen Schriftsteller der deutschen Emigration, von seiner behüteten Kindheit in Dresden und den 20er Jahren in Berlin, von seinem Aufstieg zu einem berühmten Filmkritiker, der mit Bert Brecht, Ivan Goll und Ernst Toller befreundet war, von der Flucht vor den Nazis 1933 und wie er die langen Jahre im Exil verbrachte.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 02:37:35 „Hans Saal sagt in seinen Memoiren über Billy Wilder, dass der schon totaler Amerikaner war, bevor er überhaupt Amerika betreten hat.“
Kehlmann zitiert Hans Sahls Memoiren, um seine These zu untermauern, dass nur jene Emigranten in Hollywood Erfolg hatten, die sich völlig auf das amerikanische System einlassen konnten. Billy Wilder war laut Sahl innerlich schon Amerikaner, bevor er je dort ankam.
Die 3-Groschen-Oper
Georg Wilhelm Pabst · 1931
Der Bandenchef Mackie Messer heiratet Polly. Ihr Vater, der „Bettlerkönig“ Peachum, ist gegen die Hochzeit und erpresst bei dem Polizeichef die Verhaftung Mackies. Er flieht und kommt aber durch den Verrat der Hure Jenny in Haft. Polly gründet indessen in Abwesenheit Mackies mit seiner Bande eine Bank.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 02:38:46 „Hat einige wirklich ganz große deutsche Filme gedreht. Die Freudlose Gasse, die Büchse der Pandora, auch den ganz tollen Drei-Groschen-Operfilm nach Brecht.“
Kehlmann hebt Pabsts Verfilmung der Dreigroschenoper nach Brecht als besonders gelungenes Werk hervor. Es dient als Beleg für Pabsts künstlerische Größe vor seinem Scheitern in Hollywood.
Geheimreport
Carl Zuckmayer · 2002
Carl Zuckmayers 1946 geschriebener Geheimreport dokumentiert seine Bewertungen deutscher Kulturschaffender während des Dritten Reiches für die amerikanische Besatzungsmacht. Das Werk ist bemerkenswert für eine entscheidende Ausnahme: Bei Regisseur Georg Wilhelm Pabst gesteht Zuckmayer ein, keinen Zugang zu dessen historischer Rolle zu haben. Diese intellektuelle Ratlosigkeit eines sonst so scharfsinnigen Beobachters war der Ursprung für David Kehlmanns Roman.
🗣 Daniel Kehlmann zitiert daraus bei ⏱ 02:41:25 „Was mich eigentlich auch auf die Geschichte gebracht hat, war Karl Zuckmeier, der in seinem Geheimreport, also seinem Bericht an die amerikanische Besatzungsmacht über deutsche Kulturträger im Dritten Reich, der vor ein paar Jahren erschienen ist, und bei Papst kapituliert. Bei Papst sagt Zuckmeier, ich habe zu diesem Fall keinen Schlüssel. Und das hat mich so sehr fasziniert.“
Kehlmann nennt Zuckmayers Geheimreport als den eigentlichen Auslöser für seinen Roman über Pabst. In diesem Bericht an die amerikanische Besatzungsmacht bewertete Zuckmayer deutsche Kulturschaffende im Dritten Reich – doch bei Pabst kapitulierte er. Diese Ratlosigkeit eines klugen Beobachters faszinierte Kehlmann so sehr, dass er daraus einen Roman machte.
Minetti
Thomas Bernhard
Dramatisches Werk von Thomas Bernhard über den Schauspieler Bernhard Minetti, einen überzeugten Nationalsozialist und Vertrauten Goebbels. Das Stück setzt sich mit der Verstrickung von Kunst und Ideologie in der NS-Zeit auseinander und macht die historische Figur zur literarischen Hauptrolle.
🗣 Daniel Kehlmann referenziert bei ⏱ 02:46:34 „Thomas Bernhard hat ja nie genau hingeschaut, wenn ich das so sagen darf, sondern hat sehr schnell geurteilt und hat dann eben auch das Stück mit dem Titel Bernhard Minetti geschrieben. Mir hat es wirklich Spaß gemacht, Bernhard Minetti, von dem sich wirklich nachweisen lässt, dass er eben nicht ein Grenzfall war wie Rühmann oder Albers, sondern ein wirklich schlimmer Typ, Minetti in dieser Funktion auftreten lassen.“
Kehlmann spricht über den Schauspieler Bernhard Minetti, der ein überzeugter Nazi und enger Freund von Goebbels war, aber später von Thomas Bernhard zum Helden eines Theaterstücks gemacht wurde. Kehlmann lässt Minetti in seinem Roman Lichtspiel auftreten und wundert sich, dass ihn nie jemand auf diese brisante Figur angesprochen hat.