Wolf Biermann, warum sind Sie kein Kommunist mehr
Christoph Amend, Jochen Wegner & Wolf Biermann
Wolf Biermann empfängt die Gastgeber in den Hamburger Cloud Hill Studios — zwischen Moog-Synthesizern und Harmonium — und legt direkt los: mit Liedern gegen Putin, Erinnerungen an seine Mutter, die ihm in der Nazi-Zeit beibrachte, was er nicht singen darf, und trotziger Poesie über fehlende Studios und durchfahrende Straßenbahnen. Der 86-jährige Liedermacher und Lyriker zeigt sich dabei so kämpferisch wie eh je, bewaffnet mit Gitarre, Spickzettel und der Gewissheit, dass gute Gedichte den Menschen nicht nur ins Ohr, sondern tief in die Seele gehen.
„Diese Idioten geben mir kein Studio, also soll doch die Straßenbahn durch mein Lied ruhig fahren.“
Erwähnte Medien (68)
Zar Wladimir (Putin-Lied)
Wolf Biermann
Politisches Liedgut, das sich satirisch mit Putin-Herrschaft und Kernenergie auseinandersetzt. Das Stück verbindet kritische Gesellschaftskometik mit musikalischem Protest und zeigt die anklagende Tonalität des deutschsprachigen Liedermacher-Genres.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 00:00:23 „Zar Wladimir in Saus und Braus. Wir steigen aus Atomkraft aus. Und der steigt mit der Bombe ein“
Biermann singt zu Beginn der Aufnahme Auszüge aus seinem Putin-kritischen Lied
Gedichte von François Villon (Übersetzungen)
François Villon / K.L. Ammer (Übersetzer) · 1986
François Villon war ein französischer Dichter des 15. Jahrhunderts, dessen Werk sich durch psychologische Tiefe und unmittelbare Menschlichkeit auszeichnet. Diese Sammlung präsentiert seine Gedichte in der anerkannten deutschen Übersetzung von K.L. Ammer, die das Werk für deutschsprachige Leser zugänglich macht. Villons Lyrik behandelt Themen wie Liebe, Vergänglichkeit und gesellschaftliche Außenseiter mit einer Prägnanz, die ihn zu einer Schlüsselfigur der Weltliteratur macht.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:09:13 „François Villon, der in meinem Koordinatensystem ein so großer Dichter ist wie Shakespeare oder Georg Büchner oder Bertolt Brecht“
Biermann spricht ausführlich über den französischen Dichter François Villon und die verschiedenen deutschen Übersetzungen seiner Werke, insbesondere die von K.L. Ammer
Die Dreigroschenoper
Bertolt Brecht
Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1928 ist ein Theaterstück, das im viktorianischen London spielt und einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen dem Verbrecherbosse Mackie Messer und dem Bettlermafia-Boss Jonathan Peachum darstellt. Der Konflikt eskaliert, als Mackie heimlich Peachums Tochter Polly heiratet, worauf Peachum plant, Mackie auszuliefern. Nach mehreren Verhaftungen und Fluchtversuchen wird Mackie schließlich zum Tode verurteilt, erhält aber in letzter Minute ein königliches Begnadigungsschreiben und wird sogar in den Adelsstand erhoben. Das Drama verbindet episches Theater mit 21 Liedern von Kurt Weill und kritisiert durch die Kriminalgeschichte die sozialen Verhältnisse der Zeit.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:09:13 „Er hat diese Baggiest Opera, die Bettler-Oper von John Gay, 200 Jahre nach Shakespeare ungefähr, damit Sie sich das vorstellen können, ins Deutsche gebracht. Und er hat mit flotter Hand daraus die Drei-Groschen-Oper gemacht, die Sie alle kennen“
Biermann erklärt, wie Brecht aus John Gays Beggar's Opera die Dreigroschenoper machte und dabei Songs von Ammer übernahm
Mackie Messer (Die Moritat von Mackie Messer)
Bertolt Brecht / Kurt Weill
Die Moritat von Mackie Messer ist eine von Bertolt Brecht getextete und von Kurt Weill vertonte Moritat aus dem Theaterstück Die Dreigroschenoper von 1928. Das beliebte Bänkellied gilt heute als das bekannteste und am meisten „gecoverte“ Stück der Dreigroschenoper. International ist es auch unter dem Titel Mack the Knife in der englischen Textfassung von Marc Blitzstein bekannt.
🗣 Wolf Biermann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:09:13 „die meisten Songs, außer dem Mackie-Messer-Song, Reifisch hat Zähne, kennen Sie alle, hat der Brecht geklaut von diesem Herrn Klammer“
Biermann erwähnt den Mackie-Messer-Song als einzigen originalen Brecht-Song in der Dreigroschenoper
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund
Paul Zech · 2020
Klaus Kinski war ein wahrer Meister des Sprechtheaters, der sein Publikum gleichermaßen schockierte und faszinierte. Kinski erlangte vor allem für Rezitationen bekannter Philosophen und Dichter hohe Aufmerksamkeit. Kinskis Vortag wollte erfühlt, verstanden und gleichzeitig genossen sein, in seiner üppig überschäumenden Sinnlichkeit, die aufs Ganze ging, den Menschen mit Haut und Haaren visierte, den Zuhörer zu packen versuchte - um jeden Preis. Spieldauer: ca. 70 Minuten
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:09:20 „Paul Zech, einer davon. Sie kennen von dem die Zeile Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund. Die übrigens erstens nicht stimmt und zweitens geklaut ist. Und nicht von Viongis.“
Biermann erwähnt Paul Zechs berühmte Villon-Übersetzung bzw. -Nachdichtung und deren bekannteste Zeile. Er stellt klar, dass die Zeile weder eine korrekte Übersetzung ist noch wirklich von Villon stammt, und leitet damit zu Brechts Haltung zum geistigen Eigentum über.
Villon-Übersetzungen
K.L. Ammer (Offizier Klammer) · 2025
Karl Klammer war mit seinen Übersetzungen von François Villon und Arthur Rimbaud ein Wegbereiter des Expressionismus im deutschen Sprachraum. Durch diese zwei Bücher hat auch Bertolt Brecht die damals kaum bekannten französischen Autoren kennen und schätzen gelernt. Der Plagiatsstreit rund um die Dreigroschenoper, entfacht von Alfred Kerr, wurde laut Klammer in finanzieller Hinsicht gütlich bereinigt.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:09:56 „Und die beste Übersetzung in den 20er Jahren stammt von einem Offizier der österreich-ungarischen Armee, Herrn Klammer, der seine Pension verzehrte und der wunderbar aus dem Französischen auch Baudelaire übersetzt hat. Und der hat den Vion ins Deutschland gebracht.“
Biermann identifiziert K.L. Ammer (Pseudonym des Offiziers Klammer) als den besten deutschen Villon-Übersetzer der 1920er Jahre. Diese Übersetzungen sind zentral für die Geschichte, weil Brecht später daraus für die Dreigroschenoper entlehnte.
Baudelaire-Übersetzungen
K.L. Ammer (Offizier Klammer) · 1921
Dies ist eine Liste bekannter Übersetzer. „Spezialisten“ sind zu finden unter: Liste von Übersetzern aus dem Altgriechischen, Neugriechischen
🗣 Wolf Biermann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:09:56 „der wunderbar aus dem Französischen auch Baudelaire übersetzt hat“
Beiläufige Erwähnung, dass K.L. Ammer neben Villon auch Baudelaire ins Deutsche übersetzt hat. Biermann nennt dies als Beleg für Ammers übersetzerische Qualität.
The Beggar's Opera
John Gay
Englisches Balladen-Opernspiel von 1728. Satire auf das Londoner Kriminalmilieu und die Gesellschaft: Der Gauner Macheath wird zum Helden einer Geschichte über Liebe, Betrug und Machtverhältnisse. Mit Balladen durchsetzte musikalische Komödie, die später Bertolt Brecht zur Dreigroschenoper inspirierte.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:12:09 „Er hat diese Baggiest Opera, die Bettler-Oper von John Gay, 200 Jahre nach Shakespeare ungefähr, damit Sie sich das vorstellen können, ins Deutsche gebracht.“
Biermann nennt John Gays 'Beggar's Opera' als die Vorlage, aus der Brecht mit Hilfe von Elisabeth Hauptmann die Dreigroschenoper entwickelte. Die englische Vorlage wurde zunächst von Hauptmann ins Deutsche übersetzt.
Die Moritat von Mackie Messer
Bertolt Brecht
Die Moritat von Mackie Messer ist eine von Bertolt Brecht getextete und von Kurt Weill vertonte Moritat aus dem Theaterstück Die Dreigroschenoper von 1928. Das beliebte Bänkellied gilt heute als das bekannteste und am meisten „gecoverte“ Stück der Dreigroschenoper. International ist es auch unter dem Titel Mack the Knife in der englischen Textfassung von Marc Blitzstein bekannt.
🗣 Wolf Biermann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:12:28 „Aber was eben wenige wissen, die meisten Songs, außer dem Mackie-Messer-Song, »Reifisch hat Zähne«, kennen Sie alle, hat der Brecht geklaut von diesem Herrn Klammer.“
Biermann hebt den Mackie-Messer-Song als den einzigen Song der Dreigroschenoper hervor, den Brecht nicht aus K.L. Ammers Villon-Übersetzungen entlehnt hat. Die berühmte Zeile 'Und der Haifisch, der hat Zähne' wird als allgemein bekannt vorausgesetzt.
Choral vom großen Baal
Bertolt Brecht · 1968
Baal ist ein Drama von Bertolt Brecht. Die erste Fassung schrieb der Zwanzigjährige 1918, die zweite 1919. Darauf folgten weitere Fassungen. Brecht integrierte in das Stück eine Reihe seiner frühen Lieder und Gedichte, teilweise in enger Anlehnung an die Gedichte von François Villon. Es wurde am 8. Dezember 1923, nach der Verleihung des Kleist-Preises an Brecht, im Leipziger Alten Theater unter der Regie von Alwin Kronacher uraufgeführt.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 00:13:19 „Weil ich zufälligerweise heute Morgen auf dem Zug hierher Brechts Frühwerk nochmal gelesen habe, weil ich das mit Ihnen vergleichen wollte. Und es ist schon schlagen. Also zum Beispiel habe ich gelesen, eins meiner Lieblingsgedichte von Brecht ist der Choral vom Großen Bal.“
Wegner erzählt, dass er auf der Zugfahrt zum Interview Brechts Frühwerk gelesen hat, um Parallelen zu Biermanns Sprache zu finden. Er nennt den 'Choral vom großen Baal' als eines seiner Lieblingsgedichte und stellt fest, dass Brechts und Biermanns Sprache 'selbstähnlich' sind.
Brechts Frühwerk
Bertolt Brecht · 1999
The first authorized electronic edition of Brecht's writings and comprises the poetry, drama and major critical writings contained within the Ausgewählte Werke in sechs Bänden.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 00:13:19 „Weil ich zufälligerweise heute Morgen auf dem Zug hierher Brechts Frühwerk nochmal gelesen habe, weil ich das mit Ihnen vergleichen wollte.“
Wegner hat zur Vorbereitung auf das Interview Brechts Frühwerk gelesen, um sprachliche Parallelen zwischen Brecht und Biermann zu identifizieren. Biermann bestätigt daraufhin, dass seine Sprache 'im höchsten Maße geprägt von Brecht' sei.
Tractatus logico-philosophicus
Ludwig Wittgenstein · 2024
Le Tractatus Logico-Philosophicus de Ludwig Wittgenstein (1889-1951) est une oeuvre fondamentale de la philosophie analytique publiée pour la première fois en 1921. Wittgenstein y propose une théorie de la représentation linguistique et logique du monde ; selon lui, le monde est constitué de faits atomiques pouvant être représentés par des propositions élémentaires.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 00:16:04 „Das ist das, worüber Wittgenstein sagt, darüber muss man schweigen, weil man nicht darüber reden kann. Ich weiß es nicht.“
Biermann zitiert Wittgensteins berühmten Schlusssatz ('Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen'), als er über die Motive seiner Mutter spricht, ihm trotz der Gefahr in der Nazizeit alles erzählt zu haben. Er nutzt das Zitat, um die Grenzen seines eigenen Verständnisses ihrer inneren Beweggründe zu markieren.
Mutter Courage und ihre Kinder
Bertolt Brecht
Bertolt Brechts Klassiker des epischen Theaters zeigt Mutter Courage, die während des Dreißigjährigen Krieges mit ihren Kindern umherzieht und vom Krieg lebt, indem sie die Armeen versorgt. Das Stück ist eine kritische Darstellung einer ambivalenten Figur, die am Krieg verdient, während sie ihre Kinder verliert – eine sozialkritische Meditation über die menschlichen Kosten von Krieg und wirtschaftliche Ausbeutung.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:17:36 „Wenn man am Berlin Ensemble arbeitete, wo ja, wie Sie vielleicht wissen, ein Stück 200, 300, 400, 500 Mal gespielt hat, die Mutter Courage, weil immer Käufer kamen, die die Billetts gekauft haben.“
Biermann erwähnt 'Mutter Courage' als Beispiel dafür, wie das Berliner Ensemble Stücke hunderte Male aufführen konnte, was den Schauspielern und Regisseuren die Zeit gab, neue Besetzungen und Inszenierungen auszuprobieren — Kontext für sein Konzept der 'idealen Fehlbesetzung'.
Wolf Biermann Ausstellung im Deutschen Historischen Museum
Ausstellung über den Liedermacher und Dichter Wolf Biermann im Deutschen Historischen Museum Berlin. Sie würdigt das Werk des politischen Künstlers, der trotz DDR-Verfolgung zur Kulturikone wurde. Die Ausstellung dokumentiert Biermanns Einfluss auf deutsche Musik- und Literaturgeschichte.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 00:20:50 „Und kürzlich war der 3. Oktober und ich stand in dieser Ausstellung und der Mann ist ja ein Museumsstück“
Wegner berichtet von der Biermann-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die er am 3. Oktober 2023 besucht hat
Ich bin Legende ohne Totenschein
Wolf Biermann
Wolf Biermann reflektiert über sein Lied und seine Rolle als lebende Legende in der deutschen Kulturgeschichte. Das Werk behandelt seine besondere Stellung als Zeitzeuge und die paradoxe Existenz als lebendes Museumsstück. Der Artikel dokumentiert Biermanns künstlerische Auseinandersetzung mit seiner eigenen historischen Bedeutung und seiner Position an der Schnittstelle zwischen aktuellem Künstler und zeitgeschichtlichem Denkmal.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:27:06 „Ich habe mal ein Lied vor 10, 12 Jahren geschrieben. Ich bin Legende ohne Totenschein. Das ist ja mein Status in diesem Theaterstück.“
Biermann erwähnt sein eigenes Lied 'Ich bin Legende ohne Totenschein' im Zusammenhang mit seiner Rolle als lebendes Museumsstück und seiner besonderen Stellung in der deutschen Geschichte. Er reflektiert darüber, was es bedeutet, als lebende Legende ausgestellt zu werden.
King Lear
William Shakespeare
König Lear dankt seinem Thron ab und verteilt sein Reich unter seinen drei Töchtern, wird jedoch von den beiden älteren hintergangen, während die jüngste verstößen wird. Das Werk entfaltet sich als düstere Tragödie von Machtmissbrauch, Wahnsinn und Familie, die mit dem Verlust aller Beteiligten endet. Shakespeare erforscht hier die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen und die katastrophalen Folgen fehlgeleiteter Urteile.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:27:51 „Wenn ein Theater genügend Geld hat und genügend Zeit, wie das Berlin Ensemble damals, kann der Regisseur seinem Affen Zucker geben, in seiner Eitelkeit sagen, aus dir oder aus der da, aus dem mache ich ein King Lear.“
Biermann nennt King Lear als Beispiel für eine anspruchsvolle Theaterrolle, für die ein Regisseur mit genügend Ressourcen auch eine unerwartete Besetzung wagen könnte — Teil seiner Erklärung des Konzepts der 'idealen Fehlbesetzung'.
Ein Herz und eine Seele
Wolfgang Menge · 1973
Die Serie zeigt stark überspitzt das Zusammenleben einer deutschen Familie in einer Reihenhaussiedlung in Wattenscheid Anfang der 1970er-Jahre: So behandelt sie neben üblichen Alltagsthemen vor allem das Zusammentreffen der extrem kleinbürgerlich-konservativen Einstellung der Eltern mit den idealistischen Ansätzen der 68er-Bewegung, für die Tochter und Schwiegersohn stehen.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:29:05 „Zum Beispiel Benno Besson, der mein erster Meister war am Berliner Ensemble, wollte mit Schubi, den ihr alle kennt als Ekel Alfred, der Schauspieler, der mein Freund wurde damals... ach, das war so eine Serie im Fernsehen, die genial gemacht war, ein witziger Serie von Fernsehen, über irgendeinen ganz besonders großkotzigen Kleinspießer.“
Biermann erwähnt die TV-Serie 'Ein Herz und eine Seele' mit der Figur 'Ekel Alfred', um den Schauspieler Heinz Schubert zu beschreiben, den Regisseur Benno Besson am Berliner Ensemble als Hamlet besetzen wollte — als Beispiel für eine 'ideale Fehlbesetzung'.
Hamlet
William Shakespeare
Regisseur Johann Simons inszeniert Shakespeares Hamlet am Schauspielhaus Bochum mit der Schauspielerin Sandra Hüller in der Hauptrolle. Die Produktion gewinnt durch Hüllers internationale Bekanntheit nach ihrer Oscar-Nominierung zusätzliche Aufmerksamkeit. Die Inszenierung tourt mittlerweile über Bochum hinaus und bildet einen Schwerpunkt des Regisseurs in der zeitgenössischen Shakespeare-Interpretation.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:29:54 „Und der Beno Bisson wollte aus dem ein Hamlet machen. Aus diesem Murkel. Und? Wie ist es ausgegangen? Auf den ersten Blick Idiot. Aber? Aber, ja. Wenn man genug Zeit und Geld hat und das spielt auch eine gewisse Rolle, Talent und Glück.“
Biermann erzählt, wie Regisseur Benno Besson den schmächtigen Heinz Schubert ('Ekel Alfred') als Hamlet besetzen wollte — als Paradebeispiel für die 'ideale Fehlbesetzung', bei der ein scheinbar ungeeigneter Schauspieler durch genügend Zeit und Können eine Rolle überzeugend verkörpert.
Nur wer sich ändert, bleibt sich treu
Wolf Biermann
Die Liste der Lieder von Wolf Biermann ist eine Übersicht der Lieder des deutschen Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 00:50:28 „Ich habe auch natürlich, dazu bin ich ja da, ein Lied daraus gemacht. So fängt ein Lied von mir an. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu, heißt das Lied. Ich schwamm durch Blut in das große Licht.“
Biermann erzählt von seiner Mutter, die ihn als Säugling beim Gestapo-Verhör an die Brust legte, um ruhiger lügen zu können. Aus dieser Familiengeschichte hat er ein Lied gemacht, das er teilweise rezitiert – es verarbeitet die Erfahrung, Wahrheit und Widerstand buchstäblich mit der Muttermilch aufgesogen zu haben.
Warte nicht auf bessere Zeiten
Wolf Biermann · 2016
Selten sind persönliches Schicksal und deutsche Geschichte so eng verwoben wie bei Wolf Biermann. Ein Leben zwischen West und Ost, ein Widerspruchsgeist zwischen allen Fronten. Mit sechzehn ging er in die DDR, die er für das bessere Deutschland hielt. Hanns Eisler ermutigte ihn, Lieder zu schreiben, bei Helene Weigel assistierte er am Berliner Ensemble. Dann fiel er in Ungnade, erhielt Auftritts- und Publikationsverbot.
🗣 Jochen Wegner empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:55:18 „Darf ich was zitieren aus einem Buch, das ich gerade gelesen habe? Es heißt Wolf Biermann, Warte nicht auf bessere Zeiten. Da sagen Sie auf der ersten Seite einen Riesensatz. Der Kummer um den Kommunisten, den Arbeiter, den Juden, Biermann. Der Kummer ist meine Schicksalsmacht, mein guter Geist, mein böser.“
Jochen Wegner zitiert aus Biermanns Autobiografie, um dessen Selbstverständnis auf den Punkt zu bringen: Der Kummer um den Vater – Kommunist, Arbeiter, Jude – sei Biermanns Schicksalsmacht. Biermann reagiert selbstironisch, findet das Zitat 'sehr pathetisch', räumt aber ein, dass es die Wahrheit sei.
Publikumsbeschimpfung
Peter Handke
Peter Handkes experimentelles Skandal-Stück von 1966 verzichtet auf traditionelle Handlung und Charaktere. Stattdessen konfrontiert es das Publikum direkt mit verbaler Attacke und philosophischer Provokation. Das revolutionäre Werk hob die Grenze zwischen Bühne und Zuschauern auf und machte Handke international berühmt.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 00:57:04 „Nein, ich heichle ja nicht Handke. Der hat ja diese Inflationsbeschimpfung geliefert. Idiot. Nein, nein, immer genau.“
Als Wegner scherzt, er wollte schon immer von Biermann beschimpft werden, distanziert sich Biermann von Peter Handkes 'Publikumsbeschimpfung'. Er wirft Handke einen Mangel an Fantasie und eine inflationäre Art des Beschimpfens vor – im Gegensatz zu seiner eigenen, gezielten Art.
To Be or Not to Be (Sein oder Nichtsein)
Ernst Lubitsch · 1942
Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges muss sich auch die Warschauer Theaterwelt dem Naziregime beugen. Anstatt eines antinationalsozialistischen Stücks wird „Hamlet“ wieder auf den Spielplan gesetzt. Als die Deutschen in Polen einmarschieren, begeben sich die Schauspieler in den Widerstand. In den deutschen Uniformen des Bühnenfundus drehen sie die tollsten Dinger: Sie machen Nazispitzel unschädlich, führen die Gestapo in die Irre und treiben ihre Aktionen auf eine gefährliche Spitze ...
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 01:06:07 „Da fällt mir dieser Film ein, To be or not to be. Wo der sagt, der Kleindarsteller spielt den Hitler, weil er dem so ähnlich sieht. Kennen Sie den Film?“
Biermann erinnert sich an den Film, um eine humorvolle Parallele zu ziehen über Comedians und Lacher
Ballade vom Drainageleger Freddy Rosmeisel aus Buko
Wolf Biermann
Wolf Biermanns „Ballade vom Drainageleger Freddy Rosmeisel aus Buko" ist eine politische Kunstballade, die in der DDR abwechselnd verboten und erlaubt war. Biermann nutzte sie als Gradmesser für die ideologische Strenge der Kulturpolitik. Das Werk illustriert die Willkür des SED-Regimes, das künstlerische Ausdrucksformen je nach politischem Klima tolerierte oder unterdrückte.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 01:09:53 „Ich sang die Ballade vom Drainageleger Freddy Rosmeisel aus Buko. Eine knallharte Ballade, die manchmal damals erlaubt war und manchmal verboten war. Das war so die Eichstelle.“
Biermann erzählt vom Abend in Halle, an dem er Eva-Maria Hagen kennenlernte. Die Ballade diente als politischer Gradmesser – mal erlaubt, mal verboten –, was die Willkür der DDR-Kulturpolitik illustriert.
Matthäuspassion
Johann Sebastian Bach · 1727
Monumentale Barockpassion, die das Leiden Christi durch Choralsätze, Arien und Rezitative darstellt. Das Zerreißen des Tempelvorhangs symbolisiert theologisch die Öffnung des Heiligtums für alle Menschen. Ein Meisterwerk von musikalischer und theologischer Tiefe.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 01:15:41 „Zelter, der die Singakademie gemacht hat, wo Felix Mendelssohn-Mattoldi zum ersten Mal die Matthäus-Passion 100 Jahre später wieder aufgeführt hat. Ganz wichtig, die vergessen war.“
Biermann schweift in einer seiner vielen Klammern ab: Er erwähnt, dass Eva-Maria Hagen in der Zelterstraße wohnte, und erklärt den Namensgeber Carl Friedrich Zelter über dessen Verbindung zu Goethe und zur Singakademie, wo Mendelssohn Bachs vergessene Matthäus-Passion wiederaufführte.
Chausseestraße 131
Wolf Biermann
Wolf Biermanns Debütalbum „Chausseestraße 131" dokumentiert die erste Schallplattenaufnahme des DDR-Bürgerrechtlers 1964 in seiner Berliner Wohnung. Der provokante Titel war eine bewusste Gegenrede zum Regime – die Adresse als offene Herausforderung. Das Album wurde legendär für seine ungewöhnliche Klangästhetik: Ein hochempfindliches Neumann-Kondensatormikrofon zeichnete auch Straßenbahngeräusche auf, was Biermann künstlerisch nutzte, statt es zu verstecken.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 01:45:06 „Ich machte die erste Platte und nannte sie aus Dafke, wie die Berliner sagen, nannte ich die Chausseestraße 131. Das hieß in ein normales Deutsch übersetzt, ihr Arschlöcher, wenn ihr mich suchen wollt, kriegt ihr gleich die Adresse. Bequem geliefert.“
Biermann erzählt, wie er seine erste Platte in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 aufnahm und den Albumtitel als bewusste Provokation gegenüber dem DDR-Regime wählte. Die Platte wurde berühmt für die hörbaren Straßenbahngeräusche, die durch ein überempfindliches Neumann-Kondensatormikrofon mit aufgenommen wurden — was Biermann zur Tugend machte.
Wiederentdeckte Jazz-Aufnahmen mit dem Klaus Lenz Sextet
Wolf Biermann / Klaus Lenz Sextet
Jazz-Improvisationen aus Berlins Untergrund-Künstlerszene, wiederentdeckt. Sextett-Klänge dokumentieren eine Epoche zwischen Improvisation und künstlerischem Widerstand. Das Albumcover zeigt die legendäre Künstlerwohnung — ein Stück Kulturgeschichte.
🗣 Christoph Amend empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:46:21 „Wobei ja jetzt gerade, wenn ich das kurz erwähnen darf, eine wunderbare Platte erschienen ist. Ja, das stimmt. Mit wiederentdeckter Musik von Ihnen. Und zwar Jazz. Den Sie aufgenommen haben mit dem Klaus Lenz Sextet.“
Christoph Amend weist auf eine kürzlich erschienene Platte mit wiederentdeckten Jazz-Aufnahmen hin, die Biermann mit dem Klaus Lenz Sextet gemacht hat. Auf dem Albumcover ist der Grundriss der Wohnung von Klaus Lenz zu sehen — einer 'Bruchbude' am Rande Lichtenbergs, wie Biermann sie beschreibt.
Warte nicht auf bessere Zeiten
Wolf Biermann
Die Liste der Lieder von Wolf Biermann ist eine Übersicht der Lieder des deutschen Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 01:55:22 „Dann kommt die nächste Platte mit dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten“
Biermann erwähnt seine zweite Platte, bei der er bessere Mikrofone hatte als bei der ersten Aufnahme in seiner Wohnung
Die Drahtharfe
Wolf Biermann · 1965
Wolf Biermanns "Die Drahtharfe" ist ein schmaler, einflussreicher Gedichtband, dessen Manuskript während der DDR-Zeit illegal zu dem Westberliner Verleger Klaus Wagenbach geschmuggelt wurde. Die Veröffentlichung im Westen machte Biermann zur Ikone der verfolgten DDR-Literatur und zum Symbol des künstlerischen Widerstands gegen die SED-Diktatur.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 01:56:15 „Ich habe hier eine leider nicht Erstausgabe, sondern ich glaube es ist ab 4000 von der Drahtharfe. Ein sehr schmales Lyrikbändchen, das irre viel verkauft wurde.“
Wegner zeigt Biermanns berühmten Lyrikband 'Die Drahtharfe', der im Westen bei Klaus Wagenbach erschien. Das Manuskript wurde aus der DDR geschmuggelt — Biermann wurde dadurch zur Ikone, weil er als verbotener Dichter im Westen publizierte. Wegner fragt nach, wie das Manuskript zu Wagenbach gelangte.
Konzert in Köln 1976
Wolf Biermann
Legendäres Live-Album des Liedermacher-Konzerts vom November 1976 aus der Kölner Sporthalle. Mit viereinhalb Stunden Spielzeit dokumentiert es einen politischen Wendepunkt: Drei Tage nach dem Auftritt folgte die überraschende Ausbürgerung aus der DDR, ein Zeugnis für die Kraft von Musik als Widerstand.
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 01:57:33 „Wenn man sich die Aufnahme heute nochmal anhört, merkt man ja auch, dass sie auf einzelne Stimmen im Publikum reagieren“
Amend spricht über die legendäre Live-Aufnahme des Kölner Konzerts von 1976, bei dem Biermann vor 7000 Menschen nach seiner Ausbürgerung sang
Konzert in der Kölner Sporthalle 1976
Wolf Biermann
Legendäres Live-Konzert vom 13. November 1976 vor 7.000 Zuschauern. Meisterhafte Aufnahme mit innovativer Lautsprecher-Verzögerungstechnik, die ermöglichte, dass der Künstler intim mit einzelnen Stimmen im Publikum interagierte – ein Dokumentbeispiel für die Kraft von Live-Musik und persönliche Verbindung zwischen Performer und Audience.
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:07:58 „Wenn man sich die Aufnahme heute nochmal anhört, merkt man ja auch, dass sie auf einzelne Stimmen im Publikum reagieren. Was ja vollkommen verrückt ist, weil da sind tausende von Menschen.“
Das legendäre Konzert von Wolf Biermann am 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle wird ausführlich besprochen. Christoph Amend empfiehlt, sich die Aufnahme heute nochmal anzuhören, und hebt hervor, wie intim Biermann trotz 7.000 Zuschauern mit einzelnen Stimmen im Publikum interagierte – ermöglicht durch eine damals neuartige Lautsprecher-Verzögerungstechnik.
Interview bei Arte (Wolf Biermann)
„Deep thought" ist ein tiefgehendes Gesprächsformat auf ARTE mit dem Liedermacher und politischen Dichter Wolf Biermann. Das Interview bietet intime Einblicke in sein Leben, seine künstlerische Entwicklung und seine paradoxe Philosophie, dass schwierige Zeiten auch erfüllend sein können. Die Dokumentation zeigt einen nachdenklichen Künstler, der sein Werk und seine künstlerischen Überzeugungen reflektiert.
🗣 Christoph Amend referenziert bei ⏱ 02:12:51 „Sie haben in einem, wie ich finde, auch sehr guten Interview, das in Arte ausgestrahlt worden ist, das man auch auf YouTube sehen kann“
Amend verweist auf ein Arte-Interview mit Biermann, in dem dieser sagte, es sei ihm gut gegangen, als es ihm schlecht ging
Gedichte von Moses Rosenkranz
Moses Rosenkranz · 1998
Gedichtsammlung des Dichters Moses Rosenkranz aus der Bukowina, der vier Jahre in Nazilagern und sowjetischen Gulags überlebte. Seine Werke thematisieren die psychologische Bewältigung extremer Leidenserfahrung und die paradoxe Verknüpfung von Trauer mit Humor als Überlebensstrategie. Rosenkranz steht in der Tradition jener deutschsprachigen Dichter der Bukowina, zu denen auch Paul Celan gehörte.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 02:13:13 „Moses Rosenkranz, der Dichter aus der Bukowina, wo Paul Celan herkommt, dessen Namen ihr alle kennt, der vier Jahre im Nazilager war“
Biermann erzählt über den Dichter Moses Rosenkranz und seine Erfahrungen in Nazilagern und sowjetischem Gulag, um die Seelenökonomie zwischen Trauer und Humor zu illustrieren
Stück von Luigi Pirandello (Bearbeitung am Berliner Ensemble)
Luigi Pirandello
"Questa sera si recita a soggetto" von Luigi Pirandello ist eine italienische Komödie, die die Grenzen zwischen Theater und Realität erforscht. Wolf Biermann arbeitete das Stück am Berliner Ensemble auf und entdeckte dabei die verborgene Tiefe in Pirandellos Sprache – wie alltägliche Formulierungen unter dramaturgischer Betrachtung ihre volle Bedeutung offenbaren.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 02:24:45 „Wir arbeiteten an einem Stück von Luigi Pirandello. Das ist der Molière. Der Italiener. Ein Komödiendichter. Dramatiker.“
Biermann erzählt, wie er und Brigitte Souverain am Berliner Ensemble ein Pirandello-Stück bearbeiteten und dabei über den Satz 'sie machte ihm ein Kind' stolperten
Unbenanntes Stück von Luigi Pirandello
Luigi Pirandello
Pirandellos letztes, unvollendetes Stück zeigt eine verarmte Schauspielertruppe unter Ilses Leitung, die beim Magier Cotrone Zuflucht findet. Getrieben vom Wunsch, das Vermächtnis eines verstorbenen Dichters zu erfüllen, bringt Cotrone sie zu den »Riesen vom Berge« – hart arbeitenden Menschen bei einer Hochzeit. Das fragmentarisch abgebrochene Werk sollte enden, wie Pirandello seinem Sohn erzählte: Die »Riesen« verachten die Kunst, beschimpfen und erschlagen die Schauspielerin Ilse. Der Sieg des praktischen Lebens über die Kunst bildet die tragische Pointe des Werks.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 02:25:27 „Wir arbeiteten an einem Stück von Luigi Pirandello. Das ist der Molière. Der Italiener. Ein Komödiendichter. Dramatiker. Luigi Pirandello. Und wir sollten ein Stück bearbeiten für das Berlin Ensemble, uns angucken, ob das brauchbar ist für das Ensemble.“
Biermann erzählt, wie er als junger Regieassistent am Berliner Ensemble gemeinsam mit Brigitte Souberon ein Stück von Pirandello bearbeitete. Der konkrete Titel wird nicht genannt, aber das Stück enthielt den Satz 'sie machte ihm ein Kind', der für Biermann zum Auslöser einer prägenden persönlichen Geschichte wurde.
Es senkt das deutsche Dunkel
Wolf Biermann
Die Liste der Lieder von Wolf Biermann ist eine Übersicht der Lieder des deutschen Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 02:40:28 „Ich sang dort ein kleines Lied, das Sie wahrscheinlich gar nicht kennen oder einige schon. Das sind nur acht Zeilen. Es senkt, ich sage die Worte, es senkt das deutsche Dunkel sich über mein Gemüt. Es dunkelt übermächtig in meinem Lied.“
Biermann erzählt von seiner Reise nach Korea und trägt dort ein Lied vor, das er kurz nach dem Mauerbau 1962/63 geschrieben hat. Das Lied über das zerrissene Deutschland begeistert die Koreaner, weil sie ihre eigene Teilung in Nord und Süd darin wiedererkennen. Biermann beschreibt, wie dieses kurze Lied es schaffte, alle politischen Lager gleichzeitig zu verärgern.
Das Beil von Wandsbek
Arnold Zweig · 1996
Der Roman schildert die Geschichte eines Schlachtermeisters in Wandsbek, der als Ersatzhenker einspringt und vier junge Kommunisten hinrichten muss. Das Werk thematisiert die politische Brutalität des Altonaer Blutsonntags 1932 und die moralischen Dilemmata eines einfachen Mannes, der in ein großes historisches Verbrechen verwickelt wird.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 02:52:12 „Ich kenne den Roman »Das Beil von Arnolzweig« von Stefan Zweig. Über einen Schlachtermeister in Wandsbek. Der Eingesprung ist für den Henker, der gerade anderes zu tun hatte oder krank war, ich weiß es nicht, und der mit einem Handbeil die vier Köpfe abgehackt hat.“
Biermann erzählt die Geschichte des Altonaer Blutsonntags 1932 und der Hinrichtung von vier jungen Kommunisten. Er verweist auf den Roman von Arnold Zweig (er sagt versehentlich Stefan Zweig), der die Geschichte eines Schlachtermeisters erzählt, der als Ersatzhenker einsprang. Der Roman ist direkt mit der Namensgebung Biermanns verknüpft, da einer der Hingerichteten, Karl Wolf, sein Namenspate wurde.
Quand tu perds la Tramontane
Georges Brassens
Feinsinniges französisches Chanson über das Verlieren der inneren Orientierung, dargestellt durch die Metapher des Tramontane-Winds. Die poetische Komposition verbindet Wortspiel mit existenzieller Verunsicherung und wird oft als Reflexion über innere Zerrissenheit verstanden.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 03:04:05 „Wie es einem schönen Lied von Georges Passant heißt, Quand tu parles à Tramontagne, wenn du nicht mehr weißt, was hinten und vorne ist“
Biermann zitiert ein Lied von Georges Brassens, um seinen Zustand der Orientierungslosigkeit nach der Ausbürgerung zu beschreiben
Quand on n'a que l'amour / Tramontane-Lied
Georges Brassens
Melancholisches französisches Chanson, das durch die Metapher eines starken Bergwinds innere Desorientierung ausdrückt. Die Naturimagerie verbindet äußere Kraft mit emotionalem Verlust und gilt als zeitlose Meditation über existentielle Verwirrung.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 03:05:46 „Wie es einem schönen Lied von Georges Passant heißt, Quand tu parles à Tramontagne, wenn du nicht mehr weißt, was hinten und vorne ist. Wo der Tramontagne-Wind herkommt, der in Katalunia an den Pyrenäen weht.“
Biermann beschreibt seinen Zustand der völligen Orientierungslosigkeit nach der Nachricht seiner Ausbürgerung aus der DDR. Er greift auf ein Chanson von Georges Brassens (im Transkript als 'Passant' verschrieben) zurück, um seine Desorientierung zu veranschaulichen — er wusste nicht mehr, wo vorne und hinten ist.
Lied für Rainer Kunze
Wolf Biermann
Protestlied aus der DDR-Zeit, begleitet auf Harmonium. Der Refrain 'Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um' drückt Solidarität mit verfolgten Intellektuellen aus. Ein Folk-Chanson mit politischem Engagement gegen Unterdrückung.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 03:16:14 „Ein Lied für Rainer Kunze, meinen Kollegen, der auch damals in Schwierigkeiten war in der DDR“
Biermann erwähnt ein Lied, das er beim Kölner Konzert auf dem Harmonium begleitete, mit dem Refrain 'Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um'
Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um
Wolf Biermann
Protestlied aus der DDR-Zeit, geschrieben als Solidaritätsbekundung für den Dichter Rainer Kunze, der wie der Komponist staatlicher Repression ausgesetzt war. Der eindringliche Refrain „Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um" wurde auf Harmonium begleitet und beim legendären Kölner Konzert 1976 gespielt.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 03:16:48 „Ein Lied für Rainer Kunze, meinen Kollegen, der auch damals in Schwierigkeiten war in der DDR. Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um, ist der Refrain des Liedes. Das wird begleitet auf dem Harmonium.“
Biermann spricht über das Harmonium, das in der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum steht und das er beim Kölner Konzert 1976 gespielt hat. Er erwähnt ein Lied, das er für seinen Dichterkollegen Reiner Kunze geschrieben hat, der ebenfalls Repressionen in der DDR ausgesetzt war.
Sportlied über die Stalinallee
Wolf Biermann
Ein politisches Sportlied aus der DDR-Ära, begleitet auf dem Harmonium. Das Stück verbindet die Tradition des Sportlieds mit der historischen Stalinallee und reflektiert die kulturelle Atmosphäre der frühen Nachkriegszeit. Ein intimes Kammerwerk, das Gesang und Harmonium-Begleitung vereint.
🗣 Wolf Biermann erwähnt beiläufig bei ⏱ 03:17:44 „Mein Sportlied über die Stahlliedallee damals in der DDR habe ich auf dem Harmonium begleitet“
Biermann erwähnt ein weiteres Lied, das er auf dem Harmonium begleitete
Populärballade
Wolf Biermann
Die Liste der Lieder von Wolf Biermann ist eine Übersicht der Lieder des deutschen Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 03:29:07 „Zum Beispiel die Populärballade. Mit so einer Strophe wie 'Im neuen Deutschland finde ich tagtäglich eure Fressen und trotzdem seid ihr morgen schon verdorben und vergessen.'“
Biermann erzählt von den Überlegungen vor seinem Kölner Konzert 1976, welche Lieder er im Westen singen dürfe. Die 'Populärballade' nennt er als Beispiel für eines der 'schlimmsten Hetzlieder', die er auf Rat seines Freundes Robert Havemann bewusst nicht sang, um die Petition der DDR-Schriftsteller nicht zu gefährden.
Wie Hitler klingt Höcke
Der Artikel behandelt die Kontroverse um AfD-Politiker Björn Höcke, dem vorgeworfen wird, Hitler zu verharmlosen. Die ZEIT analysiert dabei Höckes Sprache und arbeitet Parallelen zu Hitlers Redeweise heraus. Der Beitrag untersucht, inwiefern sich Höckes Rhetorik der Sprache des NS-Diktators ähnelt.
🗣 Jochen Wegner referenziert bei ⏱ 03:46:16 „Es gibt, das muss ich kurz einwerfen, vor zwei Wochen ist in der Zeit eine Seite erschienen, die wir online mit dem Titel versehen haben, wie Hitler klingt Höcke, wo sozusagen die Sprache Höckes auf ziemlich gute Weise, fand ich, analysiert wird. Und ich würde sagen, man kann das sagen.“
Im Gespräch über Björn Höcke und die Frage, ob man ihn als Nazi bezeichnen kann, verweist Jochen Wegner auf einen kurz zuvor in der ZEIT erschienenen Artikel, der Höckes Sprache analysiert und Parallelen zu Hitler aufzeigt. Er nutzt den Artikel als Beleg für seine Position.
El Cimarrón
Hans Werner Henze
Hans Werner Henzes Opernkomposition „El Cimarrón" basiert auf dem Lebensbericht des kubanischen Ex-Sklaven Esteban Montejo und schildert dessen Erfahrungen von Unterdrückung und Befreiung. Der Künstler nutzt diese Geschichte als Metapher für politische Diktatur, die er bewusst mit der DDR-Erfahrung parallelisiert. Das Buch wird als bedeutsamer Augenzeugenbericht empfohlen, der tiefe Einsichten in historische und zeitgenössische Freiheitskämpfe bietet.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 03:53:59 „An Hans-Werner Henses Oper über El Chimarron, den der Hans-Magnus Enzensperrer in Kuba aufgegabelt hat. Das Buch, kennen Sie das? Nee, habe ich nicht gelesen. Das ist jetzt ein Parteiauftrag von mir, Genosse.“
Biermann kommt bei der Ost-West-Frage auf Hans Werner Henzes Oper 'El Cimarrón' zu sprechen, die auf dem Lebensbericht eines kubanischen Ex-Sklaven basiert. Er empfiehlt das zugrunde liegende Buch nachdrücklich als 'Parteiauftrag' und nutzt die Geschichte des Sklaven Esteban Montejo als Analogie für das Leben in der DDR-Diktatur.
Biografía de un Cimarrón (Der Cimarrón)
Miguel Barnet · 1980
Autobiografische Erzählung eines kubanischen Ex-Sklaven über sein Leben von der Plantage bis zur Befreiung. Ein seltenes persönliches Zeugnis der Sklaverei und kubanischen Geschichte aus der Perspektive eines Betroffenen.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 03:59:32 „Und er hat dafür gesorgt, dass dieser Lebensbericht von diesem Esteban El Chimarron, El Chimarron heißt auf Deutsch nicht der weggelaufene Sklave, im Spanischen, dass wir das bei Suhrkamp käuflich erwerben und lesen können. Und ich habe das Buch mit großer Bewegung gelesen, das ist ja klar.“
Biermann erzählt ausführlich vom Buch über den kubanischen Ex-Sklaven Esteban Montejo, das Hans Magnus Enzensberger entdeckte und bei Suhrkamp veröffentlichen ließ. Biermann zieht eine Parallele zwischen den Erinnerungen des Sklaven an die 'schönste Zeit seines Lebens' auf der Plantage und der DDR-Nostalgie vieler Ostdeutscher – die vermeintliche Sicherheit der Diktatur, die in Wahrheit doppelte Ausbeutung war.
Gedicht über Jizchak Katzenelson
Wolf Biermann (nach Jizchak Katzenelson) · 1994
Das aus 15 Gesängen bestehende Poem verfasste der polnische Jude, Lehrer, Dichter und Warschauer Ghettokämpfer (1886 geboren, 1944 in Auschwitz ermordet) im Angesicht des Todes.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 04:10:11 „durch mein Gedicht von Jitzhak Katzenelson, das ich zwei Jahre lang in mein Deutsch gebracht habe“
Biermann erwähnt seine zweijährige Arbeit an der Übertragung von Katzenelsons Gedicht als Verbindung zu Israel
Großes Lied vom Ausgerotteten Jüdischen Volk
Jizchak Katzenelson · 1994
Jizchak Katzenelsons jiddisches Gedicht dokumentiert die Vernichtung des europäischen Judentums und wurde von einem deutschen Künstler zwei Jahre lang ins Deutsche übertragen. Diese intensive Übersetzungsarbeit stellt einen zentralen Berührungspunkt mit Israel und der jüdischen Erinnerungskultur dar. Das Werk bewahrt die Stimme eines Überlebenden und die Tiefe des jiddischen Kulturerbes vor dem Vergessen.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 04:12:47 „Ich habe ja früher viel mit Israel zu tun gehabt, durch mein Gedicht von Jitzra Katzenelson, das ich zwei Jahre lang in mein Deutsch gebracht habe.“
Im Kontext seiner Verbindung zu Israel erwähnt Biermann, dass er Katzenelsons jiddisches Poem zwei Jahre lang ins Deutsche übertragen hat. Diese Übersetzungsarbeit war für ihn ein zentraler Berührungspunkt mit Israel und der jüdischen Erinnerungskultur.
Die Lösung
Bertolt Brecht · 2021
Bertolt Brechts Gedicht „Die Lösung" von 1953 wird hier für seinen ironischen Satz „Dann wählt euch doch ein anderes Volk" diskutiert, den Brecht nach dem Aufstand vom 17. Juni schrieb. Das Gedicht bleibt aktuell für Debatten über Demokratie und Volkssouveränität: Es illustriert pointiert die Unmöglichkeit, ein Volk einfach auszutauschen – ein kritischer Kommentar zum Zustand der Demokratie in Ost- und Westeuropa.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 04:13:42 „Wir können auch nicht den ironischen Ratschlag von Brecht bedenken, der sagt, dann wählt euch doch ein anderes Volk.“
Im Gespräch über den Zustand der Demokratie in Ostdeutschland und Europa zitiert Biermann Brechts berühmten Satz 'Dann wählt euch doch ein anderes Volk' aus dem Gedicht 'Die Lösung', das Brecht nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 schrieb. Biermann nutzt es als ironischen Kommentar zur Unmöglichkeit, das Volk auszutauschen.
Der Archipel Gulag
Alexander Solschenizyn · 2012
In seinem monumentalen Werk beschreibt Alexander Solschenizyn aus eigener Erfahrung den Terror der sowjetischen Straflager des GULAG, mit der dokumentarischen Sorgfalt eines Historikers und der Sprachgewalt eines großen Epikers.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 04:15:25 „Deswegen sagt der Solzhenitsyn mal gehässig, Stalin hatte nur einen einzigen echten Freund und der hat ihn verraten. Das war Hitler.“
Biermann zitiert eine gehässige Bemerkung Solschenizyns über die Beziehung zwischen Stalin und Hitler, um die komplexen Verflechtungen zwischen Diktatoren zu illustrieren. Die Zuordnung zu einem konkreten Werk ist unsicher — es könnte aus dem 'Archipel Gulag' oder einer anderen Quelle stammen.
Gefängnishefte
Antonio Gramsci · 1992
Antonio Gramscis Gefängnishefte enthalten das berühmte Zitat über Umbruchzeiten: „Die alte Welt ist untergegangen, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster." Der italienische Marxist schrieb diese Reflexionen während seiner Haft in den 1930ern auf und analysierte damit, wie gesellschaftliche Krisen die menschliche Natur verändern. Das Zitat bleibt relevant, weil es erklärt, warum Menschen in Zeiten großer Veränderung zu extremeren Verhaltensweisen neigen – ein zentrales Thema für das Verständnis von Kultur, Politik und Literatur.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 04:15:45 „Der Gramsci hat einen schönen Satz formuliert. Ich bin für den Pessimismus der Intelligenz und für den Optimismus der Tat. Das ist die Faustregel, die man sich merken kann.“
Biermann führt Antonio Gramsci als 'Rosa Luxemburg der Italiener' ein und zitiert dessen berühmten Ausspruch über den 'Pessimismus der Intelligenz und den Optimismus der Tat'. Biermann übersetzt diesen Satz in seine eigene Lebensphilosophie: immer mit dem Schlimmsten rechnen, aber das Beste tatkräftig anstreben.
Leise zieht durch mein Gemüt
Heinrich Heine · 1893
Frühlingslied, WAB 68, ist ein Lied von Anton Bruckner aus dem Jahr 1851 für den Namenstag von Aloisia Bogner.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 04:31:40 „Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute, klingelt kleines Frühlingslied, kling hinaus ins Weite. Kling hinaus bis an das Haus, wo die Feilchen sprießen. Wenn du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen. Das hat meine Mutter mir in der Nazizeit vorgesungen, von ihrem Lieblingsdichter Heinrich Heine.“
Auf die Frage nach dem ersten auswendig gelernten Gedicht rezitiert Biermann Heines 'Leise zieht durch mein Gemüt'. Seine Mutter sang es ihm während der Nazizeit vor — eine intime Erinnerung daran, wie verbotene Kultur im Privaten weiterlebte.
Enfant perdu
Heinrich Heine
Heinrich Heines Gedicht "Enfant perdu" entstand 1851 während seines Spätwerks in der Matratzengruft und zählt zu seinen bedeutendsten Werken. Wolf Biermann hat seinen Song gleichen Titels nach diesem Gedicht benannt und würdigt darin Heines tiefe Auseinandersetzung mit Exil und innerer Emigration. Das Gedicht ist zentral für das Verständnis von Biermanns künstlerischer Haltung und seiner Referenz zur deutschen Literaturgeschichte.
🗣 Wolf Biermann zitiert daraus bei ⏱ 04:42:29 „Enfant perdu, also so heißt das Lied, ein Titel, den ich geklaut habe von Heinrich Heine, denn sein berühmtes Gedicht, das er 1851 schrieb, heißt Enfant perdu. Kennen Sie das? Das sollten Sie aber kennen.“
Biermann spricht über sein eigenes Lied 'Enfant perdu' über die Flucht von Florian Havemann und erklärt, dass er den Titel von Heines gleichnamigem Gedicht aus dem Jahr 1851 übernommen hat. Anschließend trägt er das vollständige Gedicht auswendig vor und ordnet es in Heines Spätwerk aus der 'Matratzengruft' ein — für ihn eines der kostbarsten Gedichte überhaupt.
Wie eine Träne im Ozean
Manès Sperber · 1976
Bereits mit 21 Jahren gehörte Manès Sperber dem Kreis um Alfred Adler an, befasste sich intensiv mit der von Adler begründeten Individualpsychologie und galt als dessen Meisterschüler. In dem Maße, in dem sich Sperber der Kommunistischen Partei zuwandte, entfernte er sich von Adler, mit dem er schließlich brach.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 04:55:43 „Einer davon, den kennen Sie natürlich, Manisch Barber in Paris. Der... Berühmter Schriftsteller, der die Trilogie geschrieben hat, wie eine Träne im Ozean. Das müssen Sie nicht lesen, das ist zu lang.“
Biermann erzählt von seiner Abkehr vom Kommunismus 1983 und nennt Manès Sperber als eine der Schlüsselpersonen, die ihm dabei halfen. Sperber, den er in Paris in der Rue Notre-Dame-des-Champs besuchte, habe ihn intellektuell 'ausgehebelt' — ihm geschmeichelt, er sei ein genialer Dichter, aber viel dümmer als seine Gedichte, weil er immer noch Kommunist sein wolle. Die Trilogie erwähnt Biermann scherzhaft mit dem Hinweis, man solle sie nicht lesen, weil sie zu lang sei.
Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf
Immanuel Kant · 1795
Philosophische Abhandlung über die Bedingungen für einen dauerhaften Frieden zwischen Völkern. Kant argumentiert, dass ein Föderalismus freier, demokratischer Staaten und universelle Moralgesetze die Grundlage für internationale Ordnung bilden. Das Werk prägt bis heute Konzepte von Völkerrecht und internationalen Institutionen.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 05:00:06 „Alle Menschen werden Brüder. Ganz ewiger Frieden. Königsberg. Vorstellung, dass man eine solche Gesellschaft bauen kann, egal in welcher religiösen Religion oder weltlichen Religion, führt nicht nur in eine solche Gesellschaft, die es nicht geben kann, sondern es führt mit Notwendigkeit in die schlimmsten Formen der Unterdrückung.“
Im Kontext seiner Argumentation, warum der Kommunismus zwangsläufig scheitert, verweist Biermann auf Kants Schrift 'Zum ewigen Frieden' als Beispiel für die utopische Vorstellung einer idealen Gesellschaft. Er verbindet dies mit dem Schlüsselwort 'Königsberg' (Kants Wirkungsort) und argumentiert, dass jeder Versuch, eine solche perfekte Gesellschaft zu bauen, in Unterdrückung und Gewalt mündet.
Zum ewigen Frieden
Immanuel Kant · 2022
Kants 1795 veröffentlichte philosophische Schrift entwickelt ein Konzept für dauerhaften Weltfrieden. Er argumentiert, dass stabiler Frieden zwei Bedingungen erfordert: alle Staaten müssen freiheitliche Republiken sein und ein Völkerbund muss legitime Kriegshandlungen regulieren. Diese grundlegende Schrift wurde zur Grundlage für die Charta der Vereinten Nationen.
🗣 Wolf Biermann erwähnt beiläufig bei ⏱ 05:02:53 „Ganz ewiger Frieden. Königsberg.“
Biermann verweist auf Kants Friedensschrift im Kontext seiner Argumentation, warum die Vorstellung einer idealen Gesellschaft in die Katastrophe führt
Heine-Programm (Elbphilharmonie / Berliner Ensemble)
Wolf Biermann
Wolf Biermann inszeniert in seinem Bühnenprogramm einen fiktiven Dialog mit dem Dichter Heinrich Heine. Das Stück wurde zunächst in der Elbphilharmonie Hamburg aufgeführt und später im Berliner Ensemble wiederholt. Biermann verhandelt darin seine Erfahrung des Ankommens im Westen nach seiner Ausbürgerung durch die DDR und reflektiert über sein Leben als Lyriker und Performer im freien Deutschland.
🗣 Wolf Biermann empfiehlt aktiv bei ⏱ 05:42:28 „Und über dieses Missverhältnis habe ich ja eine wunderbare Szene in meinem Heine-Programm geliefert, das ich in der Elbphilharmonie probierte vor einem Jahr. Da kam Heinrich Heine extra von Paris nach Hamburg in die Elbphilharmonie. Wir haben dort das zusammen gemacht. Und ich habe es ja jetzt vor drei, vier Wochen im Berliner Ensemble mit ihm nochmal gemacht.“
Biermann beschreibt ausführlich sein Bühnenprogramm, in dem er einen fiktiven Dialog mit Heinrich Heine inszeniert. Er hat es zunächst in der Elbphilharmonie aufgeführt und dann wenige Wochen vor dem Podcast-Gespräch im Berliner Ensemble wiederholt. Das Programm behandelt sein Ankommen im Westen nach der Ausbürgerung.
The Winter's Tale
William Shakespeare
Shakespeares Tragikomödie erzählt von König Leontes, dessen unbegründete Eifersucht zur Zerstörung seiner Familie führt. Nach 16 Jahren erscheint die verlorene Tochter Perdita, und das Stück endet mit einer wundersamen Wendung: Die für tot geglaubte Königin Hermione wird als Marmorstatue lebendig. Ein märchenhaftes Stück über Schuld, Versöhnung und die Macht der Zeit.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 05:43:56 „Und wie in dem Märchen von Shakespeare, The Winter's Tale, wo die Königin als Marmorstatue plötzlich an zu reden fängt. Winter's Tale, weil Heine hat von Shakespeare den Titel Wintermärchen abgeklaut. Aber er war ja ein Genie. Der darf das natürlich.“
Biermann beschreibt sein Heine-Bühnenprogramm, in dem er Heines Grabstein auf dem Friedhof Montmartre besucht und dieser plötzlich zu sprechen beginnt. Er zieht die Parallele zu Shakespeares 'The Winter's Tale', wo eine Marmorstatue lebendig wird, und erklärt, dass Heine den Titel 'Wintermärchen' von Shakespeare übernommen habe.
Deutschland. Ein Wintermärchen
Heinrich Heine · 2014
Deutschland, ein Wintermärchen ist eines der bedeutendsten Werke von Heinrich Heine.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 05:43:56 „Winter's Tale, weil Heine hat von Shakespeare den Titel Wintermärchen abgeklaut. Aber er war ja ein Genie. Der darf das natürlich. Auch wenn ein Genie von einem Genie klaut, ist es immer noch gut.“
Im Zusammenhang mit seinem Heine-Bühnenprogramm erklärt Biermann die literarische Verbindung zwischen Shakespeares 'Winter's Tale' und Heines 'Wintermärchen'. Er nutzt dies als Beispiel für legitimes künstlerisches Entlehnen zwischen Genies.
Das Prinzip Hoffnung
Ernst Bloch · 2016
Ernst Blochs frühes Hauptwerk ist dem schwierigen Verhältnis von offener materialistischer Philosophie und geschlossenem Systemansatz gewidmet und ringt dabei mit der idealistischen Metaphysik ebenso wie mit der Existenzphilosophie. Der vorliegende Band erschließt Das Prinzip Hoffnung auf dem neuesten Stand der Debatte und macht seine ungebrochene Aktualität für ein breites akademisches Publikum zugänglich.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 05:45:45 „Da sagte ich, ja doch, ich habe ein sehr schönes neues Lied geschrieben, das heißt das Bloch-Lied. Wir haben einen Philosophen, der heißt Hans Bloch, der hat ein Buch geschrieben, das über das Prinzip Hoffnung heißt das.“
In seinem Heine-Bühnenprogramm erzählt Biermann einen fiktiven Dialog mit Heinrich Heine am Grab auf dem Montmartre. Als Heine fragt, ob er im Westen noch etwas zustande gebracht habe, erwähnt Biermann sein 'Bloch-Lied', das auf Ernst Blochs Hauptwerk 'Das Prinzip Hoffnung' basiert. Heine weist ihn zurecht, keine Vorträge zu halten.
Das Bloch-Lied
Wolf Biermann
Wolf Biermanns Lied »Das Bloch-Lied« bezieht sich auf Ernst Blochs philosophisches Werk »Das Prinzip Hoffnung« und wurde im Rahmen seines Heine-Programms in der Elbphilharmonie uraufgeführt. In einer Szene auf dem Friedhof Montmartre stellt Biermann das neue Lied dem »Geist« Heinrich Heines vor, der die Verse kritisch kommentiert. Das Werk verbindet Biermanns politische Lyrik mit der Philosophie der Hoffnung und der deutschen Literaturgeschichte.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 05:45:45 „Da sagte ich, ja doch, ich habe ein sehr schönes neues Lied geschrieben, das heißt das Bloch-Lied. Wir haben einen Philosophen, der heißt Hans Bloch, der hat ein Buch geschrieben, das über das Prinzip Hoffnung heißt das.“
Biermann erzählt eine Szene aus seinem Heine-Programm in der Elbphilharmonie und im Berliner Ensemble, in der er auf dem Friedhof Montmartre mit dem 'Geist' Heinrich Heines spricht. Er stellt Heine sein neues Lied vor, das vom Philosophen Ernst Bloch inspiriert ist. Heine kritisiert dann einzelne Zeilen des Liedes.
Obmunteran (Ermutigung, schwedische Aufnahme)
Lena Granagen
Schwedische Adaption von Brechts »Ermutigung«, die sich zu einem populären Kirchenlied in Schweden entwickelt hat. Das Lied wurde ins offizielle Gesangsbuch der schwedischen Kirche aufgenommen und wird vielen Schweden als traditionelles Volkslied vertraut – seine wahre, junge Herkunft ist in Vergessenheit geraten.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 06:40:03 „Dieses Lied ist inzwischen in Schweden, wie Sie vielleicht mal gehört haben, ins Schwedische übersetzt, weil die berühmte Brechtschauspielerin Lena Granagen aus Stockholm da mit einer Schallplatte gemacht hat. Und die Schweden kennen das alle und die meisten Schweden denken, das ist ein altes schwedisches Lied.“
Biermann berichtet stolz, dass die schwedische Brecht-Schauspielerin Lena Granagen seine 'Ermutigung' ins Schwedische übertragen und als Schallplatte aufgenommen hat. Das Lied sei in Schweden so populär geworden, dass die meisten Schweden es für ein altes schwedisches Kirchenlied halten – es wurde sogar in das offizielle Gesangsbuch der schwedischen Kirche aufgenommen.
Ermutigung
Wolf Biermann
Ermutigung ist ein Gedicht und Lied des deutschen Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann. Es erschien erstmals 1968 in der Gedichtsammlung Mit Marx- und Engelszungen im Verlag Klaus Wagenbach, der im selben Jahr auch die vertonte Fassung auf der Single 4 neue Lieder veröffentlichte. Biermann übernahm das Lied auf seine Langspielplatte aah-ja!, die 1974 bei CBS erschien. Ermutigung warnt ein Gegenüber, sich trotz der herrschenden Zustände nicht verhärten und verbittern zu lassen.
🗣 Jochen Wegner erwähnt beiläufig bei ⏱ 07:00:49 „ich wollte Sie eigentlich bitten, Ermutigung zu singen, aber dann haben Sie so schlecht darüber gesprochen und es wäre so unoriginell“
Wegner erwähnt Biermanns berühmtestes Lied, das er ihn eigentlich bitten wollte zu singen
Die Meistersinger von Nürnberg
Richard Wagner
Wagners Oper über Handwerkerzünfte und Kunstwettbewerbe im mittelalterlichen Nürnberg. Biermann nutzt das Werk als kulturelle Referenz, um augenzwinkernd sein Verhältnis zu deutschen Traditionen und offiziellen Anlässen zu kommentieren – die Anspielung auf den "Ton" spielt dabei auf seine sächsische Mundart und eine subtile Distanz zu nationalen Ritualen an.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 07:01:05 „Ob ich da bei irgendeiner offiziellen Sache meinen Ton piepe. Wie bei den Meistersingern in Nürnberg. Der Ton. Der Don damals in Deutschland.“
Biermann nutzt Wagners Oper als beiläufige Metapher, als er darüber spricht, ob es ihm wichtig sei, bei offiziellen Feierlichkeiten zum 3. Oktober aufzutreten. Er spielt mit dem Wort 'Ton' und der sächsischen Aussprache.
Was du erinnerst, warst du nicht
Wolf Biermann
Politisches Lied über Erinnerungsfälschung nach dem Zusammenbruch einer Diktatur. Der Song kritisiert, wie Menschen sich nachträglich als Widerständler inszenieren, obwohl sie nur passiv mitgemacht oder mitgelaufen sind. Eine Abrechnung mit Heuchelei und eine Meditation über Feigheit, Verantwortung und menschliche Selbstbehauptung.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 07:02:48 „Was du erinnerst, warst du nicht. Wenn eine Diktatur zusammenbricht, ist es fast immer so, dass die Leute, die sich dort haben unterdrücken lassen, die alles mit sich machen ließen und alles mitgemacht haben. Das ist immer die Mehrheit.“
Biermann kündigt dieses Lied als Gesangseinlage an und erklärt dessen Kernthese: Nach dem Ende einer Diktatur schmücken sich viele mit Widerstandstaten, die sie nie gewagt haben. Er zitiert ausführlich den Text und erläutert, dass Feigheit zwar ein Menschenrecht sei, aber man sich nicht mit fremden Heldentaten brüsten dürfe.
Bilanzballade im 11. Jahr
Wolf Biermann
Die Liste der Lieder von Wolf Biermann ist eine Übersicht der Lieder des deutschen Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 07:14:49 „Aber sie ärgert sich über ein Lied von mir. Das heißt, Bilanzparlament im 11. Jahr. Kann ich jetzt nicht singen. Der Moloch krepierte, wie nebenbei vernünftig so haben wir ohne Pogrome und Weltkrieg III den Kommunismus zu tragen.“
Biermann zitiert aus seinem eigenen Lied, das die friedliche Revolution thematisiert. Er erzählt vom Streit mit Marianne Birtler über die Zeile 'die friedliche Revolution gelang ohne Revolutionäre' – Birtler besteht darauf, dass die Demonstranten Revolutionäre waren, während Biermann die Hauptrolle Gorbatschow zuschreibt.
CBS-Schallplatte mit Biermann-Liedern
Wolf Biermann
Wolf Biermann erzählt von einem wertvollen Geschenk an seinen Freund Klaus Vogt, einen Gitarrenbauer aus Markneukirchen: eine CBS-Schallplatte mit seinen Liedern. In der DDR war dieses Album verboten und sein Besitz drohte mit Knast – dennoch schenkte es Biermann Vogt als lebensrettende Geste. Aus Dankbarkeit baute Vogt ihm später zwei Gitarren. Das Stück zeigt die Macht von Kunst und Freundschaft im Widerstand gegen diktatorische Unterdrückung.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 07:24:42 „Und ich schenke ihm eine kostbare Platte von der CBS mit meinen Liedern, was in der DDR sehr teuer war, nicht nur mit Geld, sondern auch mit Knast.“
Biermann erzählt die Geschichte seines Freundes Klaus Vogt, des Gitarrenbauers aus Markneukirchen. Als junger Mann in der DDR schenkte Biermann ihm eine CBS-Schallplatte mit seinen Liedern – ein in der DDR verbotenes und gefährliches Gut. Vogt empfand dies als lebensrettend und baute ihm später aus Dankbarkeit zwei Gitarren.
Kölner Konzert 1976
Wolf Biermann
Legendäres Live-Konzert vom November 1976 in Köln, aufgeführt auf einer speziell angefertigten Weißgerber-Gitarre. Die Aufführung markiert einen Wendepunkt in der politischen Musikgeschichte und führte zur Ausbürgerung aus der DDR. Ein Dokument künstlerischen Widerstands und kultureller Provokation.
🗣 Wolf Biermann referenziert bei ⏱ 07:26:09 „Ich spielte mein Konzert auch in Köln. Das berühmte Konzert. Ja, auf der Weißkörpergitarre. Das war der berühmteste Gitarrenbauer, den es bisher in Deutschland gab.“
Biermann erwähnt sein legendäres Kölner Konzert vom November 1976, das zu seiner Ausbürgerung aus der DDR führte. Er erzählt, dass er damals auf einer Weißgerber-Gitarre spielte, und kommt darüber auf die Geschichte seiner selbstgebauten und speziell angefertigten Gitarren zu sprechen.
Unbenanntes Buch (mit Foto der Biermann-Müller-Umarmung)
Wolf Biermann · 2017
Erinnerungsbuch mit persönlichen Fotografien von einer emotionalen Wiederbegegnung mit einem Wegbegleiter nach Jahren der Entfremdung und politischen Konflikten.
🗣 Wolf Biermann erwähnt beiläufig bei ⏱ 07:35:29 „Da liefen wir aufeinander zu, nach all dem. Und umarmten uns. Davon gibt es ein Foto übrigens. Das ist in dem Buch sogar abgebildet.“
Wolf Biermann erzählt von der emotionalen Wiederbegegnung mit Heiner Müller auf der Frankfurter Buchmesse, nachdem Müllers Stasi-Verstrickung bekannt geworden war. Er erwähnt, dass ein Foto dieser Umarmung in einem Buch abgedruckt sei – vermutlich seine eigene Autobiografie, deren Titel in diesem Abschnitt jedoch nicht genannt wird.